Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 10 (3.2.1890)
- Date
- 1890-02-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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167 Er fuhr zusammen und blickte wild um sich, wer hatte gerufen? Er schüttelte unmuthig den Kopf, dann richtete er sich stramm auf und schritt die^ Stufen hinan, die zur Halle des Bahnhofes führten. Doch in der Mitte der Stiege hielt er nochmals an, es war ihm so eigen zu Muthe, so überaus eigen — er wußte sich selbst kaum Rechenschaft zu geben von dem, was ihn zögern machte — thatsächlich zögerte er. Seltsam, es war doch nicht das erste Mal, daß er sich an der Habe seines Vaters vergriffen hatte, und doch — und doch — es war das erste Mal, daß er vor der Welt würde einsteheil müssen für sein Thun. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. — Sollte er zurückkehren in seines Vaters Haus? — sollte er das Geraubte zurücklegen in den Kassaschrank, aus dem er es genommen? Aber sein Vater hatte ihm die Thür gewiesen, hatte sich von ihm losgesagt — was sollte er beginnen? — Er besaß keine rechtliche Forderung an seinen Vater, sein mütterliches Erbtheil hatte er bereits vor sieben Jahren verspielt, den nicht unbedeutenden Gehalt, den er seither von seinem Vater bezogen hatte, hatte er nahezu vollständig verbraucht, die Ersparnisse, die er gemacht hatte, waren unbedeutend, von was sollte er leben? Freilich, wenn er zurückkehren würde, zu seinem Vater und demselben nur das Wort geben würde, fortan sich daheim den Anforderungen des jüdischen Religionsgesetzes anzubequemen — Unsinn! Unsinn! — bei seiner hohen Bildung, bei seiner Aufklärung durfte er die Anforderungen des Zeitgeistes nicht von sich weisen, durfte sich nicht herablassen, den crassen mittelalterlichen Anschauungen seines Alten Concessionen zu machen. — Da sein Vater solche unvernünftige Anforderungen an ihn gestellt hatte, hatte er die Folgen dieser Unklugheit sich selbst zuzuschreiben. „1u l'as voulu, George Dandin“, flüsterte er in sich hinein, als er die Stufen vollends hinaufschritt. Die Kasse war bereits geöffnet, er trat hin und löste vorläufig ein Billet, das ihn über die Grenze führte. „Ah, sieh' da, Herr Bärwald, sehr erfreut Sie zu sehen." Es wär ein Geschäftsfreund, dem er hier begegnete und dessen Gruß er mit erzwungenem Lächeln erwiderte. „Reisen wir zusammen?" fragte der Andere. „Das kommt drauf an," entgegnete Adolf, „ich mache nur einen Ausflug nach D .... und fahre im Laufe des morgigen Tages wieder zurück." „Da können wir allerdings nicht lange beisammen sein, denn ich reise nach B... Schade, daß B . . . nicht auch Ihr Ziel ist, hatte mich schon gefreut, so gute Reisegesellschaft getroffen zu haben." „Auch ich hätte mir keine angenehmere Gesellschaft wünschen können, aber — wie gesagt, gegenwärtig reist' ich nur nach D . ... Einige Stationen können wir übrigens zusammenbleiben." „Sie haben kein Gepäck aufzugeben?" „Ich bitte Sie, für einen Tag — morgen bin ich wieder hier." „Da haben Sie freilich m't Ihrem Handkoffer genug, ich muß aber eilen, mftne Bagage aufzugebcn. Wir treffen uns also int Coupee?" „Wird mir sehr angeneh u sein", versetzte Adolf den Gruß des sich Entftuienten erwidernd. „Verfluchter Kerl!" murmciie er in sich hinein, doch da! n besann er sich. Im Grunde konnte eS ihn wenig geniren, einige Stationen mit einem Bekannten zu reisen, vielleicht konnte es ihm sogar vortheilhaft sein, um seinen Vater, wenn derselbe nämlich daran denken würde, ihn verfolgen zu lassen, auf falsche Fährte zu führen. — Und das zu thun war er redlich bestrebt, indem er seinem Bekannten, als derselbe ihm im Coupöe gegenüber saß, von verschiedenen Geschäftsangelegenheiten erzählte, die er in D . . .. in Wirklichkeit hätte abwickeln können. Trotzdem war er herzlich froh, als nach kaum einer Stunde der Geschäftsfreund ihn verließ und er sich nun allein befand. Er fühlte sich ermüdet, streckte sich der Länge nach auf die gepolsterte Bank und schloß die Augen; er hoffte zu schlafen, das Raffeln der Räder, die nicht übermäßig erschütternde Bewegung des dahinrollenden Wagens würde ihn einschläfern, hoffte er. Doch er mochte die Augen schließen, so fest er lvollte, unwillkürlich gingen sie ihm wieder auf und er blickte hinaus in die mondhelle Rachi. Der Vollmond stand hoch am Himmel und warf sein bleiches Licht durch die Fensterscheiben des Eisenbahn-Waggons und Bäume und Telegraphenftangen schienen an dem dahinsansenden Zug gespensterhaft vorüberzuhuschen. Der müde Passagier dort auf der Bank im ( oupöe, der den Schlaf so sehnlichst herreiwünschte, tu mochte kein Auge davon zu wenden, so sehr es ihn auch verdr ß, er mußte hinausschauen, nament-