Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-02-03 · Heft 10 (3.2.1890) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 10 (3.2.1890)
Date
1890-02-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448035--29443-2477175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

■SKT»!- V r :.~ 165 die Kinder an ihren Lehrern nur wahre patriotische d. h. österreichisch gesinnte Lehrer zum Vorbilde haben. Wien. Kaum hatte das Reichsgericht die Auflösung des deutsch-nationalen Vereins bestätigt, als die früheren Größen des Vereins sich zusammen thaten, um neuerdings einen antisemitischen deutschnationalen Verein zu gründen, dem sie den Titel „Deutscher Volksverein" gaben. Gegen 300 Einladungen wurden im Laufe der Woche an „Gesinnungsgenossen" versendet und ungefähr 80 Personen folgten dieser Einladung und nahmen an der Versammlung theil. Gleich bei der Konstituirung siel der durchsichtige Schleier von „deutschen Volksvereine" und er zeigte sich sofort in seiner wahren Gestalt. Herr Jro, Herausgeber der Schönererschen Zeitschrift „Unverfälschte deutsche Worte", eröffnete die Versammlung mit einem Lobliede auf Schönerer und einem Angriffe auf die Juden und Judenknechte. Ihm folgte ein gewisser Dr. Much, der dasselbe Lied sang und nur noch dazu sagte, daß die deutsch-nationale Partei auch verkappte Gegner habe, die sich Deutsch-nationale nennen, ohne es wirklich zu sein. Wien, 24. Januar. Die Antisemiten im hiesigen Gemeinderathe gönnen sich keine Ruhe und keine Rast. Mir einer Hartnäckigkeit und Ausdauer, welche einer besseren Sache würdig wäre, häufen sie Verleumdungen und Angriffe auf uns Juden;! es vergeht beinahe kein Tag, an welchem sic nicht j Gift und Galle gegen Juden und Judenthum speien. Besonders der in unserem früheren Berichte bereits erwähnte antisemitische Heißsporn, der in seiner Jugend von Judengeld genährte „grobe Vetter" ist cs, welcher jede Gelegenheit bei den Haaren herbeizerrt, um den Juden eins zu versetzen und seine gemeinen Angriffe und Beschimpfungen gegen die von ihm so gehaßten Juden und deren Religion zu schleudern. So benützte nun dieser Wortführer der Antisemiten im hiesigen Gemeinderathe die Verhandlung über den Budgetposten betreffs der Kosten der städtischen Bibliothek, um eine giftgeschwollene, den Rassenhaß predigende Rede gegen die Juden und deren Gesctzesbuch den „Schulchan Aruch" zu halten. Indem er eine Erhöhung der Bibliotheksdodation beantragte, wünschte er, daß auch solche Bücher angeschafft werden, welche über das geheime Treiben ge wisserMitbürger Aufschluß geben. Er erinnerte an seinen schon vergangenes Jahr gestellten Antrag bezüglich der Prüfung des „Schulchan Aruch" und der in demselben enthaltenen Sittenlehren. Es sei nun eine Uebersetzung des Buches Schulchan Aruch erschienen, welche selbst von hervorragenden Rabbinen (?) außerordentlich gerühmt werde. Es sei von großem Werth, Kenntniß der geheimen Lehren des Judenthums zu erhalten. Dieses Buch sei von allen Justizbehörden Oesterreichs angeschafft und sogar der Kaiserlichen Bibliothek einverleibt worden. Man möge es daher auch für die städtische Bibliothek selber anschaffen. Er empfehle auch den „Judenspiegel" ein Buch, welches in Fragen und Antworten über „gewisse Mitbürger" Aufschluß gibt. Er beantragt den Ankauf von 121 Exemplare dieses Buches, damit der Gemeinderath eines erhalte, außerdem möge noch jenem Magistratsrath ein Exemplar übergeben werden, der herausgesunden habe, daß die Morallehren des Schulchan Aruch nicht Anstößiges enthalten. Endlich empfehle er den Ankauf des Buches „Esther" von Radernhausen, in welchem gleichfalls über jüdische Moralphilosophie geschrieben sei. Er wünsche auch, daß die Berichte der „Alliance Jsraelite" in der städtischen Bibliothek Aufnahme finden, damit man in das Treiben dieser mächtigen Verbindung Einblick gewinnen könne. Nachdem nun Gemeinderath Dr. Scholz die Nothwendigkeit der Anschaffung dieser Bücher bezweifelte, wies unser wackerer Glaubensgenosse Gemcinderath Dr. Stern die gemeinen Verdächtigungen Vetters in energischer Weise zurück. Es sei für ihn kein Zweifel, welche Tendenzen Vetter mit seinem Anträge verfolge. Er könne dem Vorschlag des Referenten G. R. Boschan, diesen Antrag der Bibliothekskommission zuzuweisen, nicht zustimmen, dadurch würde es den Anschein gewinnen, als wäre der Antrag zur weitern Verhandlung angenommen. Was die vom Vorredner angeführten Bücher betrifft, so erkläre er dieselben als gemeine nichtsnutzige Fälschungen, die auch als solche gerichtlich anerkannt w u r d e n. Es wäre traurig genug, wenn solche Hetzschriften g e m e i n st e r Art in der städtischen Bibliothek Aufnahme fänden. Er beantragte daher bezüglich des Antrages Vetter den Uebergang zur Tagesordnung. Dieser Antrag wurde bei der Abstimmung mit 39 gegen 23 Stimmen angenommen. Daß der Gemeinderath der Stadt Wien die Hetzrede Vetters durch den von Herrn Dr. Stern beantragten Uebergang desavouirte, liefert den erfreulichen Beweis, daß in demselben die einsichtigen und vernünftigen Elemente weitaus die Mehrheit bilden, und daß diese Hetzapostel im Gemeinderathe nur tauben Ohren predigen. Lö.r. Boskowitz. (Mähren.) Am 18. nata starb dahier Herr Hermann Ungar, ein Mann, den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.