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Der Israelit · 1890-01-30 · Heft 9 (30.1.1890) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 9 (30.1.1890)
Date
1890-01-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1L2 Unter den drangvollen Verhältnissen, unter denen früher die Juden lebten, den Uebergang in die besseren Zeitverhältnisse mitgemacht haben, sich aber in dieser die Innigkeit des Glaubens, die frommen Sitten, die religiöse Anhänglichkeit und Treue, welche ein Erbtheil früherer Tage waren, herüber gerettet haben. Von echt jüdischem Geiste durchdrungen, hielt er an allen Satzungen unseres heiligen Glaubens unwandelbar fest und gab durch sein frommes und bescheidenes Leben ein glänzendes Beispiel den eigenen Nachkommen sowohl, sowie den zahlreichen Freunden und Bekannten, die in Verehrung und Liebe zu ihm aufblickten. Durch 36 Jahre Vorstand der Gemeinde, hat er viel zur Befestigung des religiösen Gefühls und zur Hebung der Gemeinde und ihrer Institutionen beigetragcn. Sein Leichenbegängniß legte Zeugniß von seiner Würdigkeit ab, ebenso die von Liebe und Verehrung etngegebeuen Worte, welche Herr Distrikts-Rabbiner Dr. Deutsch von Burgpreppach dem nahen Verwandten am Grabe nachrief. nasun. . Alsfeld, 24. Januar. Am 21. d. Mts. erging Ich dahier der Reichstagsabgeordnete Böckel in zweistündiger Rede über sein allbekanntes Thema, die sogenannte Judenfrage, und schlug zum ReichstagKkandidaten einen Gesinnungsgenossen vor, den ex vorläufig nicht nannte. Die Versammlung fand in dem, dem Herrn Malkmus dahier gehörigen „Deutschen Hans" statt und war von Anhängern aller Parteien und Angehörigen aller Konfessionen, auch von Inden, sehr gut besucht, da die Sache für unsere Bevölkerung noch den Reiz der Neuheit hatte. Oberbauserr. Für den Wahlkreis Duisburg- Mülheim-Oberhausen findet am 1. Februar Ersatzwahl für das Abgeordnetenhaus statt, da der frühere Abgeordnete gestorben ist. Am 26. Januar versammelten sich in Mülheim die konservativen und uationalliberalen Wahlmänner und beschlossen Freiherrn v. Plettenberg-Mehrum als Landtagskandidaten aufzustellen. Genannter Herr, der bei der Versammlung auch anwesend war, hielt, nachdem ihm vom Vorsitzenden der Versammlung das Wort ertheilt worden war, eine ^stündige Rede. Dabei kam er auch auf die antisemitische Partei zu reden und ließ dieser konservative Herr folgende Aeußerungen über die Juden fallen, die ich den Lesern dieses Blattes nicht vorenthaltcn will: „Ich bin ein entschiedener Gegner einer Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden. Dieselben haben die gleichen Pflichten mit den andern Staatsbürgern gegen den Staat und dieselben Lasten zu tragen, wie diese. Es würde eine Ungerechtigkeit sein, ihnen nicht auch die gleichen staatsbürgerlichen Rechte zuerkennen zu wollen. Dafür heische ich allerdings auch von den Juden die Bekundung nationaler Gesinnung in Wort und That und verlange von ihnen, daß sie immer und überall die ihnen eigenthümliche weltbürgerliche Stammes- Gemeinschaft dem Vaterlande und seinen Anforderungen nachgehen lassen. Ich will damit nicht den Patriotismus der deutschen Inden zu nahe treten, sondern nur auf eine Versuchung Hinweisen, die in ihrer einzig dastehenden doppelten — theils weltbürgerlichen, theils staatsbürgerlichen Volksangehörigkeit liegt." — Diese Worte des Freiherrn v. Plettenberg-Mehrum fanden allgemeine beifällige Aufnahme und wurden wiederholt durch Kundgebung lebhafter Znstimmung unterbrochen. — Wenn alle konservativen Herren so entschieden Stellung gegen den Antisemitismus nehmen würden, wie der Genannte, so würde „diese Schmach des Jahrhunderts" bald von der Oberfläche des deutschen Bodens verschwinden. A. Stern, Religionslehrer. Dresden. Das „Rene Dresdener Tagblatt" erzählt folgendes merkwürdige Vorkommniß: Auf recht eigenthümliche Weise wurde gestern Abend in einer Weinstube der inneren Altstadt angeblich der Kandidat der (antisemitischen) Reformpartei für die Reichstagswahl einer größeren Herrengesellschaft vorgestellt. Wir hören von einem Augenzeugen des seltsamen Vorganges Folgendes: In besagter Weinkneipe sitzt gemüthlich in der zwölften Stunde eine größere Herrengesellschaft, um nach längerer Vereinssitzung sich noch ein Stündchen Erholung zu gönnen — Kanfleute, Pädagogen, Aerzte, Fabrikanten k., also den besseren Ständen ungehörige Herren. Da kommt plötzlich in das Zimmer eine neue Gesellschaft, die sich von vornherein recht lästig machte. Die neuen Ankömmlinge wollten sich durchaus den gemüthlich Dasitzenden aufdrängen, mit ihnen politisiren re., und als einer der Störenfriede anfing, eine längere Rede zn halten, deren Zweck fein sollte, den friedlich dasitzenden Leuten den Dresdener Kandidaten der deutschen Reform- Partei für den Reichstag in einem der Ruhestörer vorzustellen, wurde diesen sehr energisch bedeutet, daß man nicht länger gestört sein wolle. Da aber bemächtigte sich eine wahre Wuth der Ruhestörer. Einer derselben ergriff einen Eiskühler und schüttete die Eisstücke über die Herren aus, und bald entwickelte sich, obwohl der Geschäftsführer des nicht anwesenden Wirthes sich alle Mühe gab, Ruhe und Frieden herzuftcllen, eine regelrechte Schlägerei.

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