Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1890)
- Date
- 1890-01-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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153 Die Herren Reformer schlugen wie wild um sich, einer derselben biß einen hiesigen Arzt in die Hand, so daß dieselbe heftig blutete, kurz, die Herren, die unsere gesellschaftlichen Zustände resormiren wollen, trieben es so arg, daß einige von ihnen an die Luft gesetzt werden mußten und schließlich die Polizei gezwungen war, einzuschreiten. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 22. Januar. Während der Fahrt auf der Dampftramway im Coups erster Klasse konnte der Private Franz Kadling nicht umhin, über die Inden im Allgemeinen und über die im CoupS sitzenden Personen, welche er als „Juden oder wenigstens Judenknechte" bezeichnete, im Besonderen auf das heftigste loszuziehen. Diese Bemerkungen machte er zu seinem Sitznachbar, einem Fleischhauer, der das amüsante Thema in der Richtung ausgriff, daß er das Steigen der Fleischpreise ausschließlich dem Verschulden der Juden zuschrieb. Den Passagieren war dieses in schreiendem Tone geführte Geschwätz sehr lästig, und einer derselben im Coupe machte den Conducteur auf die beiden überlaut Conversirenden aufmerksam. Dies war für Kadling und seinen Nachbar das Signal zu einem noch größeren Lärm, und sie nannten nun die Insassen des CoupSs insgesammt S . . juden. Bei der nächsten Haltestelle wurde die Intervention eines Wachmannes angerusen, der Kadling eindringlichst zur Ruhe ermahnte. Kadling nannte nun auch den Wachmann einen Judcnknecht und einiges Andere und prophezeite ihm, derselbe werde noch einmal in den Arrest kommen. Der Wachmann erklärte ihn nun wegen Wachebeleidignng arretirt, und heute hatte sich Kadling nach §. 312 ^t. G. vor dem Bezirksgerichte zu verantworten. Er erklärte, den damaligen Vorfall zu bedauern, und rechtfertigte sein Benehmen damit, daß er sehr viel Wein getrunken habe, und nur in diesem Falle sei er „antisemitisch". „Wenn ich nüchtern bin", sagte er, „bin ich ein anständiger Mensch." Nur wenn ich sehr viel Wein getrunken habe, bin ich ein klein wenig Antisemit." — Richter: Sie haben sich ja nicht wegen Ihrer antisemitischen Gespräche, sondern blos wegen der Beleidigung des Wachmannes zu verantworten. Der Wachmann erklärte, daß der Angeklagte nicht betrunken, sondern blos angeheitert gewesen sei; Kadling habe geäußert, nun werde die Sache zum Bezirksgerichte kommen, und eine solche Aeußerung könne ein Betrunkener doch wohl nicht machen. Der Richter erkannte den Angeklagten der Wachebeleidigung schuldig und verurtheilte ihn zu vierundzwanzig Stunden Arrest. Wien, 27. Jan. Ein offenes Schreiben an das „mährische Landesrabbinat," welches die Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift" an dasselbe richtet, und welches über einen unerhörten Scandal in der israelitischen Cultusgemeinde Lundenburg in Mähren der staunenden Welt Kunde gibt, macht hier viel von sich reden. In dem Schreiben wird mitgetheilt, daß in ob eub euannter Gemeinde ein israelitischer Religionslehrer fungirt, welcher in Civilehe lebt. Der Lehrer, welcher der israelitischen Jugend den Religionsunterricht ertheilt, heirathete, — man höre und staune, — eine Christin, er lebt in einer Ehe, welche weder die jüdische, noch irgend eine der christlichen Confessionen als moralisch anerkennt. Mehrere Mitglieder der Lundenburger israel. Cultusgemeinde haben dies seltene Factum der Redaction angezeigt. Noch mehr! In dem Briefe eines Lundenburger Gemeindemitgliedes wird versichert, daß der famose Religionslehrer alljährlich zusammen mit seinem Schwiegervater sich ein Schwein für den Hausbedarf schlachten läßt, „und" — so fügt der Briefschreiber hinzu, — „mich zwingt man, meine Kinder in den Religionsunterricht zu einem solchen Lehrer zu senden. Das ist ein Gewissenszwang der schlimmsten Art, welcher auf uns ausgeübt wird." Im ersten Momente muß Jeder erstaunt fragen, warum der Lokalrabbiner, warryn der Cultusvorstand einen solchen israelitischen „Religionslehrcr" im Amte dulden. Doch die Antwort ist eine ganz einfache. Der saubere Religionslehrer ist nämlich ein Schwager des Herrn Cultusvorstehcrs, eine Gesellschaft wirkt da zusammen für einander, von welcher jeder Theil des andern würdig ist. Der Localrabbiner hat sich auch in Schweigen gehüllt; warum, wissen wir nicht. Unseres Erachtens wäre anläßlich eines solchen skandalösen Falles die Zeit des Schweigens längst vorüber und die Zeit des Redens unerläßliche Pflicht. L ö... r. Rumänien. Bukarest. HerrJsaacAuerbach,Herausgeber und Gründer der isr. Wochenschrift „Fraterlutoteci" ist neulich gestorben. Er nahm thätigen Antheil an der Verbreitung der Interessen der „Alliance Jsraelite" und war einer der Gründer der „Zionsgesellschaft". Er gehörte zu den isr. Journalisten, die, wie auch der jetzige Chacham Dr. Gaster in London, vor einigen Jahren aus Rumänien verbannt wurden, aber seitdem wieder die Erlaubniß zur Rückkehr erhalten hatten.