Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1890)
- Date
- 1890-01-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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145 der Gedanke nicht so verwünscht gescheit, man wäre versucht, ihn herzlich dumm zu nennen". „Es ist ja ganz klar, warum bisher von den Betreffenden oder Betroffenen in dieser Richtung keine amtliche Klagen laut geworden sind. Die Existenz dieses Schülers in der Schule, wenn der Lehrer böswillig, wenn er ungerecht sein will, ist eine überaus peinliche und dessen Zukunft eine nicht ungefährdete. -Die Verhältnisse im Gemeinderathe ermuntern nun gewiß Niemanden der Eltern, die Finger gerade seiner Kinder möglicherweise zu verbrennen." Wie obenerwähnt haben wir nur einige Auszüge des „offenen Briefes" des Herrn Gemeinderaths Dr. Maier an den Bürgermeister gebracht. Doch aus dieser kleinen Probe werden Ihre Leser schon ersehen, daß dieser ins Schwarze getroffen. Man darf daher gespannt sein, ob und wie Herr Bürgermeister Dr. Prix, der bis zu seiner Wahl als äußerst liberaler Mann galt, auf diese Enunciation des jüdischen Gemeinderaths antworten wird. Wir wollen es nicht glauben, und es wäre auch sehr traurig, wenn ein Mann wie Herr Dr. Prix, wenn der Bürgermeister auch schon von dem Antisemitismus angekränkelt, angesichts der vom Gemeinderathe Dr. Maier angeführten Thatsachcn auf seinem jetzt eingenommenen Standpunkt beharren und dadurch dem Antisemitismus in der Schule Vorschub leisten würde. L ö.r. England. London, 26. Januar. Heute fand in dem großen Saale des „Jewish Working Men's Club" ein Meeting statt, bei dem die vier Candidaten für den N')v-Posteu bei der Federation ihre Wrobereden hielten. Der weite Raum war zum Erdrücken voll und vor den Thüren standen Viele, die keinen Einlaß erlangen konnten. Zuerst sprach Dr. Aschkenasi aus dem Elsaß, dessen Rede von Beifall begleitet war. Hierauf hielt Dr. Bondi aus Wien seine zündende Rede; er legte den pDv zu Grunde: bibi DroBnoa iw srn »ja, wies darauf hin, daß die Jehudim, in welchem Theile der Welt sie sich auch befinden, stets das iw der nim und r\mn sich erhalten haben, und daß die jüdische Gemeinde London durch die allgemeine Trauer über das Hinscheiden des Chief-Rabbi ysn gezeigt habe, daß auch sie im Besitz dieses um iw sei. Als der Redner seine ergreifende Ansprache geendet hatte, in der cr sich auch über die doppelten Pflichten des Rabbiners als Lehrer und Berather der Gemeinde ausließ, lohnte ihn stürmischer Beifall. Hierauf hörten wir Dr. Lerner aus Winzenheim, der durch den Umstand, daß er seine Rede im Jargon hielt, sogleich den größten Thekl der Zuhörerschaft, die meistens aus Polen bestand, gewonnen hatte. Auch seine Rede erntete reichen Beifall. Zum Schluß sprach der den Lesern des „Jsraelit" wohlbekannte Dr. Sternheim aus Hamburg. Auch seine Rede fesselte die Zuhörer. Bei dem zweiten Theile seiner Rede bediente er sich der englischen Sprache. Voraussichlich wird es sich bei der Wahl hauptsächlich um die Drs. Bondi und Lerner handeln, da allem Anschein nach die Deutschen und Orsterreicher für Dr. Bondi sind und die Polen für Dr. Lerner. Wer auch von den Candidaten als Sieger aus dem Wahlkampf hervorgehen wird, so wünschen wir, daß er segensreich auf dem großen Arbeitsfeld, das seiner harrt, wirken möge. Rußland. Petersburg. Das russische Blatt, „Ruskie Wiedamofti" schreibt: „Di^ russische Commission für die Judenfrage unter Vorsitz des Grafen Pahlen Hai zwei Projekte ausgearbcitet. Das eine, unter Beschluß der Mehrheit, spricht für die Erweiterung der Rechte und der Ansiedlungsorte der Juden; das 2. Projekt, unter Beschluß der Minorität ist von entgegengesetzter Ansicht. — Wie cs heißt soll der Beschluß der Minorität die Gesetzeskraft erlangen." — Wir lesen im „Nied. Kr. Wschod:" Es ist bekannt, daß alle Einschränkungen für das Wohnrecht der Juden 50 Werst weit von den russischen Grenzen. auf das Factum zurückznführen sind, wonach sich dieselben mit Schmuggel beschäftigen. — Unter* deß erhielt das russische Ministerium auf diesbezügliche Aufragen an die Grcnzbehörden (tn Krzemicniec) Bescheid, daß im Jahre 1885 festgenommen wurden: 2000 Protokolle wegen Schmuggel — wovon 1950 Christen und nur 50 Juden. Von Letzteru wurden überdies 26 von den Gerichten als unschuldig befreit. Das Kreisgericht in Odessa hatte einen jüdischen Studenten der Universität, welcher der Verführung eines Mädchens angeklagt war, auf Antrag des Drocurators freigesprochen. Das Kammergericht in Odessa verwarf diese Freisprechung, und der Angeklagte wurde neuerdings vor Gericht gestellt und zwar vor das Geschworenengericht in Cherson. Hier wurde er zur Verschickung nach Sibirien verurtheilt. Auf Appellation an den höchsten Senat in Petersburg wurde letztes Urtheil je-