Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1890)
- Date
- 1890-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Fällen in neunundneunzig in solchen Kindern der Jude vergessen und ausgemerzt, von einer Religion ist dann gar kein Gedanke, keine Ahnung mehr vorhanden. Aus solchen Kindern können nur Geschäftsleute werden und sollen es nach der Ansicht der Eltern werden. So entsteht der Jndifferentismus und breitet sich immer mehr aus, verdichtet sich wie grauer, bleierner Novembernebel. Aber gut kann das nimmermehr sein, und verwundern darf es uns heute nicht, wenn nicht blos von den Antisemiten, sondern auch aus anderen Kreisen, die noch Werth auf religiöse Gesinnung der Menschen legen — und es sind das die tonangebenden, bestimmten Kreise in allen Kulturstaaten — dem modernen Juden der scharfe, aber gerechte Tadel zugeschleudert wird, daß er ein Feind der Religion sei. Der Antisemitismus schöpft aus solchen Ansichten und Äußerungen immer neue Nahrung, Berechtigung und Kühnheit zu seinen fortgesetzten gehässigen Angriffen. Seit fast hundert Jahren spricht man in den Reformkreisen von Hebung des Gottesdienstes; aber von einer inneren Erhebung merkt man keine Spur. Nach Außen zeigt man seine Religion durch die herrlichsten Tempel; im Herzen ist aber kaum eine Spur von Religion zu finden. Wohin soll das führen? Wozu immer und immer die Augen verschließen vor den Thatsachen, vor dem sichtbaren, aller Welt offenkundigen Verfall des religiösen Lebens im modernen Judenthum? Wenn wir den Antisemitismus bekämpfen wollen, so dürfen wir nicht zur äußeren Abwehr greifen, da müssen wir die Schäden im Inneren ausbeffern und die religiöse Idee des Judenthums in uns wieder beleben, nicht aber fortsündigen, und mit Verachtung und Gleichgültigkeit, mit Indolenz und Jndifferentismus auch diesem neuen Hasse gegenüberstehen. Dadurch wird nicht abgeholfen, wird nichts abgeschwächt. „Stört mir meine Kreise nicht," sprach einst ein berühmter Mann des Alterthums. Stört uns nicht den Kreis, in dessen Bann wir stehen, ruft man aus dem Kreise des modernen Judenthums allen denen zu, die nicht der gleichen Ansicht sind und im'modernen Judenthum nicht einen Fortschritt der religiösen Idee erblicken, sondern eine Abschwächung. Ja, das ist wieder eine Seite des Jndifferentismus, daß man mit Geringschätzung oder spöttischem Lächeln herabsieht von der Geisteshöhe, auf der man zu stehen glaubt, auf alle gegnerischen Ansichten und Einwände. Man ignorirt einfach jeden Gegner, dann — hat man Recht. Es ist ja feststehender Glaubenssatz bei dem Reformjuden: Wer nicht derselben Ansicht huldigt, daß das Judenthum nur eine Idee ist, ohne sie auf das Leben und die Praxis übertragen zu müssen, daß man ohne irgend ein jüdischreligiöses Gesetz ein wahrer, echter Jude , ist; wer das heute nicht einsieht, der ist eben noch nicht reif für den heute herrschenden höheren Geist, ist nicht erleuchtet genug, ist um hundert Jahre zurück, der braucht nicht gehört zu werden. Da wäre es freilich thöricht, ein Wort zu sagen und zu schreiben, wenn eben nicht auch der Jndifferentismus eine Grenze hätte und allem Anschein nach von Außen eine Luftschicht in diese Nebelmasse sich hineinschiebt, die sie in Bewegung versetzt und hoffentlich zertheilt und wieder einen klaren Blick ermöglicht. — Literarischer Bericht. „Vokabularium und Grammatik zu den hebr. Versen des Spruchbuches. I. Cursus von Dr. M. S. Zuckermandel, Oberrabbiner in Trier. Preis 1 Mk. Selbstverlag. Wenn wir uns zur Zeit auch nicht über Mangel an Hilfsmitteln zur Erlernung der hebr. Sprache zu beklagen haben, dürfen wir doch vorl. Merkchen, das in gedrängter Kürze dem Schüler die wichtigsten Regeln der Grammatik vorsührt, als eine Novität auf dem Gebiete der hebr. Schulliteratur begrüßen. Ueber den zweckmäßigen Gebrauch des Büchleins hat sich der Verfasser selbst in der Vorrede ausgesprochen. Derselbe geht von der Ansicht aus, daß in Anbetracht der in der jetzigen Zeit leider für den jüd. Unterricht nur spärlich zugemessenen Zeit es geboten erscheint, zu retten, was zu retten ist. Ersahrungmäßig verlassen die meisten Schüler die Klaffe ohne hebr. Wissen, da der sog. Religionsunterricht an den höheren Lehranstalten sich in der Regel auf bibl. Geschichte und Catechismus beschränkt. Verfasser will nun, — ohne den rwin- Unterricht zu verdrängen, der ja immer die Grundlage alles religiösen Wissens bildet, — den systematischen Religionsunterricht an der Hand des Gebetbuches ertheilt wissen, indem die zu Hunderten darin vorkommenden Bibelverse zu den bibl. Geschichten gelernt werden sollen, wodurch dem Schüler noch der Vortheil erwächst, mit den im y.yd vorkommendcn Versen vertraut zu werden und so einen Ueberblick über