Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1890)
- Date
- 1890-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. J\& 0* Israelit.*Jeschurun. ZMstzrlst jut ZSrdklW- W. GMrr md D. $tbena in Uns. GrmNe nnü Ktznlr. Emirat-Hrgan für das orthodoxe ZudenLhum. Herausgegeben von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, de« SV. Januar 5650 (1890). Leitende Artikel. Jndifferentismus Von Dr. H. Sänger. (Fortsetzung.) Wenn man sich auch einredet, noch eine jüdische Gemeinde zu bilden, einen jüdischen, wenn auch modernifirten Gottesdienst zu haben, jüdische Gemeindeinstitutionen zu besitzen, jüdische Wohlthätigkett innerhalb der Gemeinde durch Vereine und Anstalten zu pflegen und auf diese Weise der Religion gerecht wird: so zeigt aber die moderne jüdische Familie durch ihre große Gleichgiltigkeit für die ganze religiöse Seite des Judenthums, daß die Erhaltung der jüdischen Gemeinde ihr nicht Herzenssache , sondern rein äußerlichen Gründen zuzuschreiben ist. Wenn das Gotteshaus doch vorwiegend dem Gebete, der inneren Erhebung, dem Gedanken an Gott, zu dem wir uns wenden in Dank und Bitte, gewidmet ist, warum soll dann im Hause und in der Familie eine solche Herzenregung verpönt sein, soll es nicht mehr passen, religiösen Gefühlen zu huldigen, religiöse Pflichten zu üben? Warum darf man im Hause nicht zeigen, daß man eine, religiöse Gesinnung habe? Warum darf man im Hause keinen Sabbat, keinen Feiertag halten? Es gibt heute Juden, Kinder solcher modernen jüdischen Eltern, die, wenn in Gesellschaft über Sitten, Gebräuche und Gesetze des Judenthums vielleicht in rein wissenschaftlicher Weise gesprochen wird, unwissender sind, als viele Nichtjuden und vielleicht zum ersten Male hier in der Gesellschaft von Nichtjuden erfahren, daß es solche Gesetze des Judcnthums gibt. Man schämt sich doch so sehr seines Judenthums vot den Nichtjuden — denn anders läßt es sich nicht erklären, daß man zuwellen in Gesellschaft die Täuschung hervorzurufen sich bemüht, als wäre man kein Jude —; warum betrachtet man es nicht als Schande, so unwiffend sich zu zeigen in dieser Sache, die bet den Bekennern jeder andern Religion erste Herzensangelegenheit ist, über die unterrichtet zu sein doch immer zu den ersten Erfordernissen, auch der Bildung gezählt wird? Man wäre fast versucht, darin eine absichtlich gewollte Gleichgiltigkeit zu finden, die dann freilich uns den Jndifferentismus in seiner häßlichsten Gestalt zeigen würde. Nichtminder bedenklich ist der Jndifferentismus, der brette Schichten der sogenannten religiösen Juden in seinem Bann hält. Im Hause herrscht noch jüdisches Leben, die Frau hält nach ihren Begriffen und ihrem Wissen strenge auf ihre Küche, der Mann besucht täglich daS Gotteshaus, vermeidet jede öffentliche Verletzung eines anerkannt wichtigen Gesetzes, aber wenn es nicht anders geht, schließt man auch am rav und Feiertagen ein Geschäft ab, unternimmt Geschäfts- Vergnügungsreisen an diesen Ruhetagen. Das Kind wird in dieser Jnconsequenz großgezogen, wird zwar auch angehalten zu religiöser Pflichterfüllung, merkt aber bald, daß es nicht so schlimm sein kann, wenn der Vater am rot? fährt und Geschäfte macht, auch in seiner Weise sich nicht so fest gebunden zu erachten an die Heiligkeit und Unverletzlichkeit. Kinder sind bekanntlich strenge Kritiker und logische Denker in gewisser Beziehung. Und wenn dann die Zeit herankommt, wo es das Elternhaus verläßt, hinaus muß in die Fremde, um sich dem einstigen Beruf zu widmen und von dem Vater unbedenklich in ein Geschäft gegeben wird, wo es am n» und an den Feiertagen zu arbeiten hat wie an jedem Werktage, wo ihm nicht einmal gestattet wird, den Gottesdienist zu besuchen, dann ist unter hundert