Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 8 (27.1.1890)
- Date
- 1890-01-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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135 bedarf keiner Regierungsverordnung, um die Erfüllung dieser Bestimmung herbeizuführen, dafür sorgen schon die Rabbiner selbst. Gleichzeitig sei noch daraufhingewiesen, daß die von einigen Thierschutzvereinen geforderte Betäubung der Schlachtthiere vor dem Schächten purer Unsinn ist, denn solches Fleisch ist ebensowenig koscher als z. B. das Fleisch eines regelrecht geschächteten Schweines. Von einem Vorrecht, welches den Juden dadurch gewährt wird, daß sie das Schlachtvieh nicht zu betäuben brauchen, kann gar nicht die Rede sein; denn sonst müßte man auch von einem Vorrecht der Jäger sprechen, die ja oft zur Tödtung eines angeschossenen Thieres ganze Tage brauchen. Die jüdische Religion besteht nun einmal und ihre Ausübung ist den Juden in Deutschland gestattet worden. Jeder Versuch, sie zu einem Verstoß gegen ihre Speiseordnung zu zwingen, wäre ein Attentat ans die jedem Deutschen gewährleistete Religionsfreiheit, und sowenig wir Christen es uns ruhig gefallen ließen, wenn man uns durch irgend eine polizeiliche Verordnung nöthigen wollte, gegen eines der zehn Gebote zu handeln, ebensowenig könnten wir eine derartige gegen die Inden gerichtete Verordnung gut heißen. Man soll nicht die Ochsen und Hammel höher achten, als irgend eine Religion, selbst wenn diese unseren Anschauungen nicht ganz entspricht. Jv. Oefterr.-Ungar. Monarchie. Prag. Es war am 20. Mürz 1869, als der berühmte Prager Talmndgelehrte Rabbi Juda Teweles zu Grabe getragen wurde. An der Bahre widmete ihm der gleichfalls berühmte Talmudgelehrte Rabbi Samuel Freund einen Nachruf, in welchem er gleichzeitig die Gründung des Vereines „AMe Jehudah/ zur Erinnerung an den Verblichenen angeregt hat. Die Verwirklichung dieser Idee sollte nicht lauge auf sich warten lassen. Es bildete sich fortan aus achtbaren Männern ein Gründungscomtte und ein ComitL zum Zwecke des Statutenentwurfes, dessen Ausarbeitung schon deßhalb keine Schwierigkeiten bereitet haben mochte, als doch tu der Gesinnung beider Männer, dessen, der die Idee wachrief, und dessen, dem zu Ehren sie angeregt wurde, ein ganzes Programm lag. Die Statuten wurden nach langem Hin- und Herberathen fertig gestellt. Nach diesen sollte der Verein „Afike Jehudah“ den Zweck verfolgen, den religiös-jüdischen Sinn zu erwecken und die Kenntnis; der jüdischen Literatur und des jüdischen Wissens zu verbreiten und zu fördern. Um diesen Zweck zu erreichen, dienen vor allem von Zeit zu Zeit wiederkehrende Versammlungen, in welchen wissenschaftliche Vorträge, die sich auf das Judenthum und dessen Wissenschaft beziehen, gehalten werden sollen, Empfehlung und Verbreitung guter, dem Vereinszwecke entsprechender Bücher, sowie Gründung einer Bibliothek, Anschaffung von in- und ausländischen jüdischen Zeitungen, Verleihung von Stipendien an solche Studirende, die sich dem jüdischen Lehrer-, Rabbiner- oder Prediger-Amte widmen und an solche arme jüdische Studirende aller anderen Schulen, die sich durch Fleiß und gute Fortschritte derselben würdig bezeugen und einen religiös-sittlichen Lebenswandel führen, die Errichtung oder Subventiontrung von Schulen, in welchen die Israel. Jugend, ob arm oder reich, die bisher keinen oder mangelhaften Unterricht im Hebräischen genossen hat oder genießen konnte, gegen ein mäßiges Schulgeld oder unentgeltlich — je nach den Verhältnissen — Aufnahme finden u. s. w. Seitdem sind zwanzig Jahre verflossen, ohne daß man behaupten könnte, daß der bereits so lange vegetirende Verein „Afike Jehudah“ jemals etwas Ersprießliches geleistet oder sein reichhaltiges, einem ganzen Complex von Luftschlössern gleichendes Programm eingehalten hätte. Von all dem mit Aplomb in Aussicht Gestellten hat er nicht den kleinsten Theil geboten; er hat allerdings ein Lesecabinet für jüdische Zeitungen ins Leben gerufen und Vorträge halten lassen, zwei Thaten, die immer noch keine Wohlthaten sind und die nur den Heroismus Geld auszugeben herausgefordert, aber bisher sehr wenig zur Förderung jüdischer Wissenschaft beigetragen haben. Ob nun manche Vorträge bei den Zuhörern Anklang gefunden, manche wiederum gelangweilt haben, so steht doch das Eine fest, daß sie allesammt der Tendenz des Vereines gar keine Rechnung getragen haben. Da hat doch der am 28. v. M. gehaltene Vortrag des Herrn Dr. Gotthold Deutsch, Rabbiner in Brüx, wenigstens den Vortheil gebracht, daß er zur Beschleunigung der Krisis in dem krankhaften Zustande des Vereines wesentlich beitragen dürfte. Schon die Wahl des Themas über „Wahre und falsche Frömmigkeit in der Anschauung des Judenthums von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart; ein Beitrag zum Verstündniß der neuesten Theologie" war im Interesse einer solchen Krisis eine glückliche, wogegen für Herrn Dr. Deutsch insofern eine unglückliche, als derselbe seiner Zeit, und das ist nicht gar so lange her, in Brünn als israel. Religionslehrer streng conservativ, derzeit in Brüx als Rabbiner einer ganz entgegengesetzten Richtung huldigt, demnach er unter solchen Umständen von wahrer und