Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 8 (27.1.1890)
- Date
- 1890-01-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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129 gilt, war ganz eingestellt, kein Wagen bewegte sich, Alles blieb ehrfurchtsvoll stehen und die reitende Gendarmerie hatte nicht die geringste Unordnung zu bekämpfen. Um 12 Uhr gelangte der Zug nach der Dukes Place - Synagoge, welche festlich erleuchtet war. — Tausende der polnischen Glaubensbrüdcr drängten sich an den Trauerwagen und mußten gewaltsam weggerissen werden. Andere verkauften die Photographie des Chief-Rabbi, so daß die Scene einen mannigfaltigen Anblick gewährte. Besonder« Eindruck machte das Glockengeläute der Aldgate Kirche während des Leichenbegängnisses; dies gab der Feier den Eharakter einer allgemeinen Trauer in der City. Der Zug hielt 10 Minuten lang vor dem Portal der Haupt-Synagoge, welche der Chief Rabbi früher regelmäßig besuchte. Der Verstorbene hatte hiuterlassen, daß der Sarg nicht in das Innere der Synagoge gebracht werde, ebenso hatte er sich jeden nvvn verbeten. Der Trauerzug nahm hierauf die Richtung über Bewis Marks zur Spanischen und Pottugicsischen Hanptsynagoge, woselbst ein zweiter Haltepunkt stattfand und bewegte sich sodann nach dem Westend zur Portland-Street-Synagoge; — hier war die Hauptstation, von der aus sich die Equipagen der verschiedenen Deputationen sämmtlicher Synagogen-Beamtcn, aller Mitglieder des Councils und Synagogen-Vorstände re. ««reihten. Es folgten 152 Equipagen und eine unzählige Menge von Fußgängern, so daß der Cortege erst um 2 Uhr auf dem Friedhofe (Willcsdcn) anlangte. Die Schulkinder der Freischule, der Stepney-, Bayswater-, Westminifter-, Norwood (Waisenkinder) und Taubstummenanstalt waren daselbst versammelt. Der Menschcnandrang war so bedeutend, daß selbst die Polizei nicht im Stande war, die Ordnung herzuftellen. Das Gedränge war so stark, daß Herr Rabbiner Dr. Hildesheimer (Berlin), der zum Lcichenbegängniß hierhergceilt, sich aber nicht officiell am Zuge bcthciligt hatte, nur mit Mühe in die Trauerhalle gelangen konnte. Die Halle, woselbst der Gottesdienst stattfand, war dermaßen überfüllt, daß die vornchinsten Gcmeindemitglieder auf die Fenftergesimsen hinaufkletterten, um sich nicht der Gefahr auszusetzcn, erdrückt zu werden. Auch der Lord Mayor war anwesend; hingegen war Lord Rothschild wegen Erkrankung an der Influenza zu erscheinen verhindert. Mit feierlichster Andacht begann alsdann der Rev. M. Hast das v'vn nan, wobei kein Auge trocken blieb. Merkwürdigerweise herrschte große Ordnung bei demHinaustragen des nv und die Menge gewährte den mit Recht an dieser mao Teilnehmenden alle Bequemlichkeit. Die Träger des Sarges waren die Söhne Rev. Dr. Hermann, Mr. Marcus und Mr. Man Adler, die Schwiegersöhne und Enkel, die u'xn (Rev. Rainowitz und Rev. B. Spiers) Mr. N. L. D. Zimmer, Dr. Friedländer, Rev. Meisels, Mr. Joseph Levy, Mr. Casper und Mr. Joseph van Gelder, der treue Diener des Dahingeschiedenen. Als der fungirende Rev. Mr. Hast die Worte: ns» isipo by D'bvn ausrief, beeilte sich ein Jeder, die üblichen drei Erdschollen auf das Grab zu werfen, wobei die Gendarmerie etwas zu barsch vorging, um die Menge zurückzudrängen, was allerdings nothwendig war, da andernfalls Unglücksfälle unvermeidlich gewesen wären. Die Bahnzüge waren in Willesden- Station so angcfüllt, daß nach 12 Waggons depeschirt werden mußte, um die nicht mit Equipagen Versehenen nach der City zurückzubefördern. Am nächsten Donnerstag, 30. dss. wird ein feierlicher Tranergottesdienst in der Duke« Place- Synagogue stattfinden, Rev. Singer wird die Trauerrede halten. London. Der „Normng Advertiser“ widmet dem dahingeschiedenen Oberrabbiner Dr. Adler einen warmen Nachruf, dessen Schlußbetrachtung gerade jetzt ein besonderes Interesse erwecken muß: ^Die Juden haben sich stets als gute Bürger in England erwiesen, und wir dürfen uns beglückwünschen, daß der Kreuzzug gegen dieselben, der vor etlichen Jahren in einigen anderen europäischen Ländern cingeleitet wurde und sich jetzt selbst auf Frankreich ausgedehnt hat, unter unfern Landsleuten niemals irgend eine Unterstützung gefunden hat. Kein Name ist geehrter unter Engländern als der Montefiore's, und andere Angehörige der Rasse sind kaum weniger geachtet. Es ist nicht schwierig, die Ursachen dafür anzugeben. Die englischen Juden sind stets voran in philanthropischen und wohlthätigen Handlungen gewesen und ihre Mildthätigkeit hat sich niemals auf Mitglieder ihrer eigenen Nationalität und Religion beschränkt. Der unsinnige Haß, der gegen die Rasse im Auslande erweckt wird, ist völlig unverständlich für uns, die wir sie nur als unternehmende Kaufleute und Industrielle, patriotische und friedliche Bürger und achtbar in allen Beziehungen des Privatlebens kennen." London. Hiesige Blätter berichten folgendes: „Ein christlicher Geistlicher, der ein vorzüglicher Kenner des Hebräischen ist, wurde von der Erhabenheit des Kaddisch-Gebetes so sehr gerührt, daß er jetzt, nach dem Tode seiner Frau, jede Woche einen jüdischen Tempel besucht und für das Seelen!-Heil seiner Frau dieses Gebet verrichtet.