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Der Israelit · 1890-01-27 · Heft 8 (27.1.1890) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 8 (27.1.1890)
Date
1890-01-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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128 griügt nach Petersburg. Der Bruder, der seit Jahren nicht mehr dem Glauben seiner Väter angehört und deßhalb in Petersburg ganz behaglich lebt, empfing den Gast mit großer Freude, und auch die liebenswürdige Schwägerin vernahm es gern, daß Isidor es auf einen etwa vierzehntägigen Aufenthalt abgesehen habe. Am andern Morgen meinte der Hausherr zu seinem Gaste: „Du, jetzt muffen wir eine notwendigeFormalität erledigen, wenn Du länger hier bleiben willst. Wir wollen zum Polizeimcister gehen, damit er Dir eine Aufeuthaltskarte ausstcllt." „Ach Gott, laß Dich doch durch mich nicht stören!" protestirte Isidor. „Du hast mir ja selbst erzählt, daß Du heute früh einen Kunden aus Kasan erwartest. Ich werde allein zum Polizeimeister gehen." „Aber Du wirst Dich mit den Leuten dort nicht verständigen können!" „Oho, ich Berliner! Französisch werden die Leute doch verstehen, und meine Rubelzettel werden sie wohl auch lesen können." „Nun, wenn Du meinst —" Aber Herr Isidor war schon weg und auf dem Wege zum Polizeimeister. Nach einer Stunde war er wieder da; mit Triumphatormicne schwang er ein kleines beschriebenes Kärtchen in der Hand und rief fröhlich: „Na seht Ihr! Die Leute haben mich blos ein wenig ausgcfragt, ich habe flott französisch parlirt und mit Rubelzettel gewirthschaftet — und schon ist die Sache besorgt. Ja, wir Berliner!" Der Bruder nahm die Karte in die Hand, warf einen Blick darauf und meinte dann betroffen: „Weißt Du denn, was auf dieser Aufenthaltskarte steht?" „Nein, daS ist russisch!" „Nun", erwiderte der Bruder halb lachend, halb ärgerlich, „hier drauf steht geschrieben: „Der Jude Isidor N. hat Petersburg binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen!" Tableau! Belfort. Ein Offizier der Garnison Belfort, Israelit, wollte seine kleine Tochter in ein Mädchenpensionat thun; jedoch die Vorsteherin des Instituts weigerte sich dieselbe aufzunehmen, indem sie erklärte, daß israelitische Schülerinnen ihre Schule nicht besuchen dürfen. Als man ihr bemerkte, daß sie unter ihren Zöglingen schon einen kleinen Knaben eines jüdischen Arztes des Ortes habe (dieses Institut nimmt kleine Kinder beiderlei Geschlechts auf) antwortete die Dame sofort: Ja, in der That, aber ein Knabe bleibt nicht lange bei uns, man nimmt ihn frühzeitig weg, um ihn ins Gymnasium zu schicken; ein Mädchen, das vertraut man uns lange an und die hiesigen christlichen Eltern wollen Israelitinnen mit ihren Mädchen nicht unterrichten lassen. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Pefth. Vor ungefähr drei Jahren starb hier ein gewisser Dr. Adolf Goldberger, welcher die Hälfte seines Vermögens in der Höhe von Vi Million zu wohlthätigen Zwecken vermachte. Doch sollte dieser Nachlaß erst dann in Verwendung kommen, wenn er durch Verzinsung auf 300 Millionen angewachsen sein werde! Das zeigte allerdings, daß der Testator nicht zurechnungsfähig war. Die Verwandten bekämpften denn auch die Giltigkeit dieses Testamentes, welches der Budapester Gerichtshof nun als nichtig erklärte. Die Hinterlassenschaft wird demnächst den Verwandten des Verstorbenen übergeben werden. E n g l a n d. Brighton, 21. Januar. Unser edler, hochverehrter Chief Rabbi verschied sanft und ruhig um 8"Morgens, nachdem er noch das Morgengebet in rv^to verrichtet; sein letztesMort war -in«! Die Trauer ist eine allgemeine, auch bei Nichtjuden. Gestern Abend segnete der sterbende Vater seine Kinder. Er behielt bis zum letzten Athenizuge das vollste Bewußtsein und ordnete alles auf das Leichenbegängniß Bezügliche selbst au. Die irdischen Ueberreste werden Donnerstag mit Extra-Bahnzug nach London befördert, sämmtliche hiesige Gemeindevorstände und Synagogenbeamte „werden das Ehrengeleite geben. London, 23.ZJan. Die Eisenbahn-Station „London-Bridge" war^heute mit einer Ehrenlegion des Gendarmerie-Corps besetzt. Eine unabsehbare Menschenmenge strömte in den Bahnhof, um den Extra-Zug von Brighton, der die irdischen Ueberreste des Chief Rabbi beförderte, abzuwarten. Die Schwiegersöhne des Verblichenen: Herr Commerzienrath Israel (Berlin), Mr. Henry Salomon, Mr. Schaap und Herr Heilbut (Amsterdam), sowie viele hervorragende Persönlichkeiten der Gemeinde , ^Herr Baron v. Hirsch, (Paris), Sir Philipp Magnus, Dr. Friedländer, Chacham Dr. Ga ft er, Dr. Salomon (Manchester) und mehrere Vorstände der Gemeinde standen an der Spitze der^Versammclten. Um 11*/* Uhr traf der Zug hier ein. Die Scene des Empfanges war herzergreifend, und mit lautemKSchluchzen wurde der Sarg von den dw und jiafyett Verwandten dem Trauerwagen zugeführt. Als,stch1.der'Zug in Bewegung setzte, herrschte eine feierliche Stille in allen Straßen; die christliche Bevölkerung zeigte dieselbe Ehrerbietung, Alles entblößte das Haupt, sogar die Droschkenkutscher; ,der Verkehr aus der „London Bridge", welcher als der lebhaftestcEuropa's

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