Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-01-23 · Heft 7 (23.1.1890) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 7 (23.1.1890)
Date
1890-01-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448032--29380-2477109
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXI. Jahrgang. Erste Beilage Des „3srnelit“&„|efd)uruti“. Leitender Artikel. Zndiffere iitismus. Von Dr. H. Sänger. Jndifferentismus ist der schlimmste Feind alles Guten. Der zäheste Widerstand wird vom Jndifferentismus geleistet. Ein gewöhnlicher, und sei es der erbittertste Feind, läßt sich bekämpfen, widerlegen, besiegen; ein indifferenter Mensch aber ist weder ein Feind noch Freund, ist nicht ein Gegner, aber auch kein Förderer, er ist — gleichgiltig. Wie oft hört man sagen: So ein recht kalter Tag, wo die Luft schneidig, wo der Athem gleichsani gefriert, ist mir lieber, als so ein Herbsttag, wo es nicht kalt und nicht warm, nicht Tag und nicht Nacht ist, wo nur trüber, feuchter Dunst die Luft erfüllt, athembeschwerend und uns mit trüber Laune behaftcnd, an dem wir nichts besseres wissen, als über das schlechte Wetter zu klagen. Und wie solch ein nebliger Novembertag erkältend, ein unbehagliches Gefühl in uns erzeugt und jede frohe, heitere Stimmung in uns nnterdrückt, so auch wirkt der Jndifferentismus. Und er findet sich überall und a llg e mein. Wie die breiten Nebelmassen im Herbst uns jeden Fernblick verwehren, nicht nur den Anblick des blauen Himmelsgewölbes uns entziehen, sondern auch die nächste Umgebung nur in unbestimmten Umrissen zeigen; so auch ist der Jndifferentismus eine dunstige, unklare Masse, die sich auf das Denken der Menschen legt, ihnen jeden klaren Blick verwehrt, kein Licht, keine Freude aufkommen läßt. Kein Gebiet gibt es, das so wenig den In differentismus verträgt, als das religiöse. Gerade die religiöse Anschauung, die das Verhältniß des Menschen und der Gesammtschöpfung zu ihrem Schöpfer klar zu legen versucht, die das Berhältniß und den Zusammenhang des Menschengeistes mit dem obersten Schöpfungsgeiste verstehen will, hat von jeher es als ihre Aufgabe erfaßt, Licht zu verbreiten, das Dunkle und Räthselhafte zu entschleiern, die Wahrheit zu erstreben und zu finden und Hut die gewaltigsten Anregungen in der Menschengeschichte gegeben. Die religiöse Frage war es, die oft die gesammte Menschheit vom Grund aus aufrüttelte, die Menschen entflammte und begeisterte und zu gewaltiger Thatkraft anspornte. Bis auf unsere Zeit herab spielen die religiösen Fragen eine bedeutende Rolle und werden, so lange die Menschheit besteht, von ihrer Bedeutung nichts verlieren. Naturgemäß mußte bei dem Volke der Religion die religiöse Frage für seine Bekenner von hervorragendstem Interesse sein, und seitdem eS keine äußere Stellung mehr einnimmt, welche seine Interesse theilen könnte, um so mehr Lebensfrage für es sein. In unserer Zeit aber hat man diese religiöse Frage in eine äußere und innere getheilt. Die äußere Frage befaßt sich mit der äußeren Stellung unseres Volkes. Diese zu verbessern war das Hauptaugenmerk unserer Zeit. Es war das wohl ein ganz berechtigtes Streben. Aber man hat dabei die Hauptaufgabe ganz außer Acht gelassen, oder doch nur als Nebensache betrachtet. Insofern kann man hierbei auch von einer religiösen Frage sprechen; im Grund genommen hat sie damit aber gar nichts zu schaffen. Denn die religiöse Seite ist heute dadurch ganz verdrängt worden und man ging nur von dem Gesichtspunkte aus: Wie undwas kann und sollman von unserer religiösen Ansicht und Ueberzeugung aufgeben, um die äußere Lage zu verbessern, um das Judenthum den Anforderungen derNeuzeit und den herrschenden allgemeinen Ideen anzupassen. Der eigentlichen religiösen Frage gegenüber ist aber der größte Jndifferentismus vorherrschend. Mit kalter Ueberlegung hat man sich dazu verstanden, das ganze jüdische Religionsgesetz zu opfern, und noch heutigen Tages, wo doch die Erfahrung auch die Indifferentesten hat belehren können, daß alle diese Opfer nichts oder nur sehr weuig gebessert haben an unserer äußeren Stellung, versteht sich ein großer Theil derer, die da glauben an der Spitze des Judenthums zu stehen — die Vorstände der großen Gemeinden — Deutschlands, Oesterreichs und Frankreichs — zu diesen Opfern, stellen sich außerhalb des jüdischen Gesetzes. Immer noch redet man es sich ein und will andere überzeugen, daß wir unserer Stellung halben etwas (?!) von unseren althergebrachten Sitten und Gebräuchen— Gottesgesetz ist ja diesen „Spitzen" des Judenthums unsere Thauro nicht — aufgeben müssen. Es ist nur Schade, daß der Antisemitis-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.