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Der Israelit · 1890-01-23 · Heft 7 (23.1.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 7 (23.1.1890)
Date
1890-01-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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111 ärgerlich, „aber ich halte Dich nicht für so beschränkt, um diesen Deinen Worten Glauben zu schenken." „Ulrich!" rief sie erglühend. „Ereifere Dich nicht, Adele, es ist dieses ein Thema, über das wir uns schwerlich einigen werden. Aus diesem Grunde habe ich Hugo hinausgeschickt, um Dir in wenigen Worten meine dießbezüglich maßgebende Ansicht mitzuthcilen." Sie blickte wie erstarrt zu ihm hinüber, nie im Leben hatte er in dieser schroffen Weise zu ihr gesprochen. „Ich habe Dein Wort", murmelte sie, „daß Hugo's religiöse Erziehung einzig und allein meinem Ermessen überlassen bleibt." „Eben darüber wollte ich mit Dir sprechen, selbstverständlich werde ich mein Wort halten, nie werde ich mich in seine religiöse Erziehung einmischen; doch nie und nimmer werde ich es dulden, daß in dem Herzen meines Kindes Haß und Verachtung gegen seine Nebenmenschen gcsäct wird, cs gibt kein Dogma, das dieses lehrt." „Die Juden kann kein rechtgläubiger Christ als seine Ncbenmenschen betrachten." „Adele, ich bitte Dich, wie kannst Du so reden!" Sie schüttelte unmuthig den Kopf. „Du bist," sagte sie, „vernarrt in dieses von Gott selbst verdammte Volk. Weil einmal ein alter Jude, hieß er nicht Moses Bär? — Dir eine Empfehlung gegeben hat." „Ganz richtig, aus eben diesem Grunde bin ich, wie Du es nennst, vernarrt in dieses Volk, dem Gott den höchsten Segen ertheilt hat, daß es zum Segen werden solle für alle Geschlechter. Und für mich ist es in Wirklichkeit zum Segen geworden. Meine Eltern waren gestorben und hatten mir nichts als Schulden hinterlassen und mir fehlten die Mittel, meine eben begonnenen Studien an der Polytechnischen Schule forrzusetzen. Mein Onkel war Schneider und erklärte es als das Richtigste, daß ich bei ihm als Lehrling eintreten solle. Diese Aussicht brachte mich beinahe zur Verzweiflung, denn ich liebte meine Studien und haßte das Schneiderhandwerk." „Ich weiß, ich weiß", fiel seine Frau ein, „da hat Dir der Jude Moses Bär eine Empfehlung gegeben." „Er hieß Aron Wolf," berichtigte Wildau, „aber er hat mir nicht nur eine Empfehlung gegeben, sondern mir auch eine derartige Summe vorgestreckt, daß ich wieder in die Hauptstadt zuruckkehren und einige Wochen dort leben konnte. Inzwischen hatte derjenige, an den meine Empfehlung gerichtet war, mir mehrere gut honorirte Lectionen verschafft, so daß ich ohne übermäßige Anstrengung mir meinen Unterhalt verdienen und gleichzeitig meinen Studien obliegen konnte." „Du hast nur in Judenhäusern unterrichtet?" „Vorzugsweise in jüdischen Familien." „Daher datirt Dein Unglaube." „Daher datirt meine Werthschätzung der Glaubensgenossen desjenigen, dem ich so viel verdanke. Denn, wenn ich auch heute das Schneiderhandwerk nicht mehr perhorrescire, so wäre ich doch höchst wahrscheinlich nur ein sehr mittelmäßiger Schneider geworden, als welcher es mir schwerlich gelungen wäre, die Hand einer gewissen jungen Dame, die mir über alles begehrenswerth schien, zu erlangen. Oder, wie ist's, hättest Du den Flickschneider Wildau auch genommen?" „Das ist eine Gewissensfrage", erwiderte sie lächelnd, durch die Wandlung, die er der Unterredung gegeben hatte, rasch versöhnt. „Aber ich bitte Dich inständiZst, Ulrich, sprich' in Hugo'S Gegenwart nicht in solch' überschwänglicher Weise von den Juden, ich kann nrir nicht helfen, sie sind mir nun einmal verhaßt." Er zuckte die Achseln. „In dieser Beziehung kann ich mich zu keiner bindenden Zusage herbeilassen." „Auch nicht wenn ich Dich darum bitte?" „Auch dann nicht. Denn, wenn ich wahrnehme, daß das Kind von irgend einer Seite her gegen eine Klasse von,' Menschen oder auch nur gegen einen Menschen verhetzt wird, so werde ich mich verpflichtet halten, dem entgcgenzuarbeiten." 4- * * Seit Beginn dieser Erzählung waren sieben Jahre verstrichen, sieben Jahre dahingerauscht in den Strom der Zeiten. Nur an den wenigsten Menschen pflegt eine derartige Spanne Zeit spurlos vorüberzuziehen. Die Menschen ändern sich und mit ihnen die Verhältnisse. Auch in dem Hause des Bankier Bärwald hatte sich gar Manches geändert. Seit dem Verschwinden des Cassiers niit dem gleichzeitigen Verschwinden des Caffcninhaltes schien das Glück, das bis dahin alle seine Unternehinungen begünstigt hatte, ihm den Rücken gewandt zu haben. Sein Geschäft, ehedem zu den bedeutendsten zählend, war jetzt zu einem Geschäft dritten Ranges gesunken. Trotzdem galt Bärwald und zwar mit Recht, noch immer als wohlhabender Mann, und die Falten seines Gesichtes, die sich in den verflossenen Jahren auffallend vertieft Hatten, waren schwerlich durch den Rückgang seines Geschäftes tiefer geworden. Er war ein gottergebener, strengreligiöser

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