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Der Israelit · 1890-01-23 · Heft 7 (23.1.1890) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 7 (23.1.1890)
Date
1890-01-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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109 Umfang ist von den Herrschenden wie von der Masse, von den Lehrern wie von den Zöglingen, von Wissenden und Unwissenden, dieses höchste Gebot nicht verstanden, ignorirt, übertreten worden." Redner begleitet nun die Juden durch alle Länder, in welche sie zerstreut wurden, und entwirft an der Hand der Geschichte ein wahrhaft erschütterndes Bild der unermeßlichen Leiden und Bedrückungen, mit denen gegen die Unglücklichen gewüthet wurde. Hatte die älteste christliche Lehre in dem Juden den zeitweilig verirrten Bruder, aber den Träger göttlicher Verheißungen gesehen, so war die Kirche später nicht mehr von Liebe, sondern von blindwüthendem Fanatismus erfüllt, dem die Bedrängung und Vernichtung der Juden sogar ein Verdienst um die christliche Kirche galt. Diesem Beispiele folgten die Fürsten und dann auch ihre Untergebenen, welche sich bald in Grausamkeiten und Rohheiten scheußlicher Art überboten, und die Geschichtsschreiber jener entarteten Zeit, welche die begangenen Gräuelthaten melden, finden kein Zeichen des Mitleids, kein Wort des Unwillens. Was Shakspeare seinen Kaufmann von Venedig sagen läßt: „Die Juden hat der Christ erst so geniacht", etwaige Fehler leien nur die nothwendigen Folgen der unmenschlichen Behandlung, dies lehre die Geschichte seit dreizehn Jahrhunderten mit tausend Zungen. Erst seit der Reformation gestaltete sich das Loos der Juden in stetigem Fortschritt immer günstiger; die officielle mittelalterliche Deutung de8 Prophetenworts, nach welcher das jüdische Volk durch nachhaltende Mißhandlung und Verfolguug zu einem geringen Häuflein herabgemindert werden sollte, habe sich als Täuschung erwiesen, trotz aller auf diesen Amboß geführten Hammerschläge sei es nicht gemindert, sondern stetig gewachsen. Nach hundertjährigem Ringen habe Israel in fast allen Staaten Europa s die bürgerliche Gleichstellung erreicht. Israeliten befinden sich jetzt in den Parlamenten und Ständekammern, sind an den meisten Universitäten als Lehrer zugelasscn, die Zahl ihrer sich zu den Studien drängenden Jugend wächst mit jedem Jahre, wichtige Aemter werden ihnen anvertraut. Ihr Schutzverein, die verständig geleitete „israelitische Alliance", deren Sitz in Paris ist, scheint fortwährend größeren Einfluß zu gewinnen. Die Thatsachen der vergleichenden Statistik sind ihnen günstig. In den meisten Staaten fällt auf sie die relativ geringste Zahl der gerichtlich verhandelten Verbrechen, und bilden sie den an Wohlstand und Reichthnm, selbst an Lebensdauer und Vermehrung voranstehenden Bruchtheil der Bevölkerung. Die alten Tugenden der Mäßigkeit und Enthaltsamkeit, des wohlgeordneten und innigen Familienlebens, der Pietät der Kinder gegen die Eltern, welche so viel dazu gethan, in den schweren Zeilen des Mittelalters dieses Volk vor dem Untergang zu bewahren, sind auch jetzt noch nicht von ihm gewichen. . . Die Gebrechen, welche Stoff zu Tadel geben, beklagen unsere israelitischen Mitbürger, wie wir; aber eine Solidarität und Verantwortlichkeit Aller für das Thun eines Bruchtheils zu verlangen, wäre ungerecht. An dem Gründerunwesen und dem Hasardspiel mit Wcrthpapieren trisi't die Christen uitd Israeliten gleiche Schuld. Nicht minder theilt sich in die Sünden der Tagespresse der christliche Leserkreis mit den jüdischen Redactionen, welche, gleich den andern, die Tagesmeinung und die Tagesneigung nicht erzeugen, sondern ihnen nur t'röhnen. . . , Der deutsche Jude denkt wesentlich deutsch in allen Fragen des geistigen und sozialen Lebens. Nicht anders verhält es sich mit den britischen und französischen Israeliten: .sie denken und fühlen wie die große Nation, in deren Mitte sie leben. Viel zu lange" — so lauten die Schlußworte, in welche dieser herrliche Vortrag ausklingt, „viel zu lange hat die falsche, abscheuliche Lehre, daß die Menschen berufen seien, Sünden und Verirrungen der Vorfahren an den schuldlosen Nachkommen fort,und fort zu rächen, die Welt beherrscht und hat die Länder Europa's mit Gränelu und Schandthaten befleckt, von denen wir uns schaudernd abwenden. Wehe uns und unseren Enkeln, wenn jenes Rachegesetz gegen die Nachkommen der Deutschen, Franzosen, Spanier und Engländer des Mittelalters jemals zur Anwendung kommen sollte! Eines aber ist, was die heutige, antisemitisch sich nennende Agitation nicht vergessen sollte: Haß und Verachtung sind Gefühle, traurig und unerquicklich für den, der sie hegt, peinigend und erbitternd für den davon Betroffenen. Schlimm wenn, um biblisch zu reden, ein Abgrund den andern anruft. Unser Wahlspruch sei und bleibe das Wort der Sophokleischen Antigone: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 17. Januar. In dem Ausschüsse des Verschönerungsvereins zu St. Andrä-Mördern herrschte im vorigen Sommer trotz der friedlichen Aufgabe dieser Körperschaft eine sehr kriegerische Stimmung. Insbesondere befanden sich der Obmann des Vereins, Baumeister Franz Bernert aus Wien, und der Obmann-Stellvertreter, der hiesige Notariats-Concipient Joseph Ledwina, in fortwährender Fehde; die Ursache lag zum großen Theile in der Verschiedenheit des politischen Standpunktes beider Personen oder vielmehr in der Art, wie Herr Ledwina seinen Anschannngen Ausdruck gab. Eines Tages richtete nun der Letztere an Herrn Bernert einen beleidigenden Brief, welcher mit den Worten schloß: „Ich werde Ihnen Ihre semiüschchemokratische Fratze herabreißeu." Herr Bernert erhob deßhalb bei der Sicherheitsbehörde eine Ehrenkränkungs-Klage gegen Ledwina, in welcher er anführte, daß der Genannte in einer Ausschußsitzung des Vereins Schmäbllngen und Jnvectiven gehässigster Art ausgestoßen habe, weßhalb er sich als Obmann bemüssigt gesehen habe, ihn zurechtzuweisen. Er bezeichnete zugleich, indem er auf die Ursachen des Eouflictes mit seinem Megner eingiug, diesen als einen enragirten Antisemiten, welcher seiner Gesinnung in der denkbar rüdesten Form Luft mache.

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