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Der Israelit · 1890-01-23 · Heft 7 (23.1.1890) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 7 (23.1.1890)
Date
1890-01-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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108 uns hierüber klar zu werden, einen dritten Begriff in den Kreis unserer Betrachtungen ziehen. Alles vernünftige Denken kann nur den Zweck haben, die Wahrheit, hon, zu ergründen. Wenn die Wahrheit in der That nur eine ist, so tritt sie doch in mannigfacher Art in die Erscheinung. Sehr belehrend ist in dieser Beziehung ein Ausspruch unserer Weisen, der da lautet: n"3pr6 tpw rwyj £*«3 w’dn^ nös y-r pn wj/ds „Der Richter, der ein wahrhaftes Urtheil nach seiner Wahrheit spricht, wird gleichsam ein Verbündeter Gottes beim Schöpfungswerk." — Wir wollen aus diesem so räthselhaft scheinenden Satze für jetzt nur die Worte wen} nos p. „Ein Urtheil der Wahrheit nach seiner Wahrheit" hervorheben, aus denen sich zu ergeben scheint, daß ein Urtheil der Wahrheit auch nicht nach seiner Wahrheit möglich sei. In dem oberflächlichen Blicke erscheint das als ein Widerspruch in sich, da ja ein Urtheil entweder mit der Wahrheit übereinstimmt oder nicht. In Wirklichkeit jedoch belehren uns hier die Weisen, daß die Wahrheit in mannigfacher Art in die Erscheinung treten kann. Dies zu erörtern wollen wir uns mit Gottes Hilfe für das nächste Kapitel Vorbehalten. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 21. Januar. Heute geleiteten wir den Enkel von Rabbi Herz Scheuer Herrn Joseph Scheuer zu seiner letzten Ruhestätte. Der Verstorbene, welcher das hohe Alter von 88 Jahren erreichte, war ein gottesfürchtiger und wohlthätiger Mann und ein treuer Anhänger der hiesigen israel. Neligionsgesellschaft, welche er auch in seinem Testamente reichlich bedachte. Derselbe erfreute sich in allen hiesigen Kreisen seines leutseligen Wesens halber einer allgemeinen Beliebtheit. rraiun München. Der Tod des berühmten Ignaz i von Döllinger hat auch in jüdischen Kreisen j ♦ Trauer hervorgerufen; denn er war ein warmer! Vertheidiger der Inden gewesen, für die er, als! der Antisemitismus sein Haupt erhob, in der Festsitzung vom 25. Juli 1881 der Münchener Aka-! demie bei Gelegenheit des Geburtstages des Königs; in einer Rede: „Die Juden in Europa" betitelt, \ sein gewichtiges Wort einlegte. Seine Worte machten in allen Kreisen großen Eindruck und haben sicherlich viel dazu beigetragen, daß der Judenhaß in Bayern nicht aufkommen konnte. Ihre Leser werden es gewiß als ein Zeichen der Dankbarkeit gegen den berühmten Tobten begrüßen, wenn Sie nachstehenden Auszug aus jener Rede veröffentlichen : „Nicht der geringsten Fragen eine', fängt Döllinger an. „ist die semitische, die seit einigen Jahren schon Deutschland bewegt. Schroff stehen die Parteien einander gegenüber, und wie es im 13. Jahrhundert hieß: „Hie Welf, hie Waibling", so tönt es heute durch Deutschland's Gauen: Hie Semit und Semitenfreund, hie Antisemit. Mit nicht geringer Verwunderung haben wir wahrgenommen, daß gerade in der Hauptstadt des Reiches der Streit so heftig entbrannt ist, selbst unter denen die zur Aristokratie des Geistes gehören. Ist mm auch der Süden Deutschlands bis jetzt weit weniger als der Norden in die Bewegung hineingezogetl, so sind doch die dort sich regenden Triebfedern auch in unserer Nähe nicht ohne Kraft. In unseren Tagen darf die Wissenschaft nicht mehr, wie dies früher geschah, sich selbstgenügsam vom großen Markte des Lebens entfernt halten; vielmehr hat sie die stärksten Gründe, sich mit ihren besten Früchten an der Lösung der unserer Zeit und Nation gestellten Aufgaben zu betheiligen, um mit allen social erhellenden und belebenden Kräften, empfangend und gebend, sich zu verbinden. So sei denn eine der Spenden, welche die Akademie heute, am Festtag ihres königlichen Beschützers, darbringt, ein Versuch, zu zeigen, wie diese Dinge so geworden, wie der Knoten allmählich sich verschlungen hat, und wie die Lebenslehrerin Geschichte drohenden neuen Verirrungen den warnenden Spiegel vormals begangener Mißgriffe entgegenhält. Das Schicksal des jüdischen Volkes ist vielleicht das erschütterndste Drama der Weltgeschichte. Wenn die griechischen Tragiker vorzugsweise die „Hybris", den übermäßigen Mißbrauch der Gewalt, als das dunkle, die Menschen in's Verderben ziehende Verhängniß darzustellen pflegen, so tritt uns in den Schicksalen dieses Volkes eine, ich möchte sagen, mittelalterliche Hybris, als der schwer auf ihm lastende Fluch entgegen — eine Hybris, gemischt aus religiösem Fanatismus, gemeiner Habgier und instinctartiger Racenabneigung. Sie war das Ergebniß jenes sittlichen und intellectuellen Gebrechens, welches viele Jahrhunderte lang auf den Höhen der Menschheit, wie unten in der Menge gleichmäßig geherrscht hat, zum Theil noch in weiten Kreisen vorhanden ist, wenn auch jetzt durch Sitte, Furcht und öffentliche M einung gebändigt: Dieses Gebrechen war und ist, kurz ausgedrückt, der Mangel des Gerechtigkeitssinnes. Wir kennen sie, jene Mächte und ihre Werkzeuge, welche auch heute noch in allen ersinnlichen Wendungen und Verhüllungen den einen Gedanken wiederholen: wir allein sind im Besitz der vollen, Rettung bringenden Wahrheit, und darum muß uns auch Alles gewährt und Alles erlaubt sein, was zur Verbreitung und Geltendmachung dieser Wahrheit nothwendig oder dienlich ist. Die christliche Religion hat die Gerechtigkeit zusamniengefaßt in dem Gebote der Nächstenliebe tiach dem Maße der Selbstliebe; aber in fast unabsehbarem

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