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Der Israelit · 1890-01-23 · Heft 7 (23.1.1890) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 7 (23.1.1890)
Date
1890-01-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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107 wendig sind, wird in der heiligen Schrift deutlich ausgesprochen, wie es heißt (1. B. M., Cap. 2, V. 5): „Und aller Baumwuchs des Feldes war noch nicht auf der Erde und alles Kraut des Feldes war noch nicht gewachsen, denn es hatte noch nicht regnen lassen der Ewige, Gott, auf die Erde, und ein Mensch war noch nicht da, zu bearbeiten das Erdreich." Wenn wir das Wesen des Menschen betrachten, das sich aus Körper und Geist zusammensetzt, so muß es uns auffallend erscheinen, warum gerade der Mensch den bei weitem größten Theil seiner Zeit der Arbeit widmen muß, um die Bedürfnisse seines Körpers zu erwerben, so daß den meisten Menschen kaum Muße bleibt, für die Ausbildung des Geistes zu sorgen. Die Thiere des Feldes und die Vögel des Himmels brauchen nicht zu arbeiten; sie finden ihre Nahrung bereit und haben doch keinen Geist, welcher der Ausbildung bedürfte, während der Mensch seine kostbare Zeit, die er zur Gewinnung erhabener Kenntnisse und tiefer Forschungen verwenden könnte, der Erwerbung der Bedürfnisse des Körpers widmen muß. So lehren auch unsere Weisen: Die Thora ist gegeben worden denen, deren Nahrung das Manna war. Während ihrer Wüstenwanderung wurden die Israeliten mit dem himmlischen Manna gespeist, so daß für ihre Ernährung ohne ihr Zuthun gesorgt war. Da fanden sie Zeit, die neuempfangene Thora kennen zu lernen, sie zu durchforschen und sie sich zu eigen zu machen. Es liegt die Frage nahe, warum der allgütige Gott es nicht so eingerichtet hat, daß der Mensch für alle Zeiten seine Nahrung mühelos finde, um sich der Ausbildung seines Geistes besser widmen zu können. Wie hoch diese Ausbildung des Geistes zu schätzen ist, wird gerade in den dem Lobgefange der Felder vorhergehenden Versen auf das Eindringlichste gelehrt. Dort heißt es (Mischte, Cap. 3, V. 13 und ferner): „Heil dem Menschen, der die Weisheit gefunden hat, und dem Menschen, der forttragen wird Vernunft. Denn besser ist, sich mit ihr beschäftigen als Geldgewinn und besser als gediegenes Gold ist ihr Ertrag. Kostbarer ist sie als Perlen, und alle deine Schätze werden ihr nicht gleichkommen. Langes Leben ist in ihrer Rechten, in ihrer Linken Reichthum und Ehre. Ihre Wege sind Wege der Lieblichkeit, und alle ihre Pfade sind Frieden. Ein Baum des Lebens ist sie denen, die fest an ihr halten, und die sie stützen sind beglückt. Der Ewige mit Weisheit hat Er gegründet die Erde, Er richtet ein die Himmel mit Vernunft." — Da nun die Ausbildung des menschlichen Geistes zur Erlangung der vielgerühmten Weisheit so wichtig, ist es doppelt auffällig, daß gerade der SchlußverS dieser Verherrlichung der Weisheit der Lobgesang der fruchttragenden Felder sein soll, deren Bearbeitung die Menschheit den größten Theil ihrer Zeit widmen muß. Zunächst wollen wir die hier gebrauchten Ausdrücke einer näheren Betrachtung unterziehen. runn p»D» onw noan nao oin niw. „Heil dem Menschen, der Weisheit gefunden, und dem Menschen, der forttragen wird Vernunft." Der Unterschied zwischen noan und nion ist, daß nosn die von oben stammende Weisheit bezeichnet, während runn die Erkenntniß bedeutet, die der Mensch durch eigene Mühe und Anstrengung findet “pno lan po -m; daher wird bei der noan der Ausdruck ksb (finden) gebraucht, während es bei ruian heißt p'L» (er wird hinwegtragen durch eigene Mühe und Anstrengung). Das Wort ruan muß jedoch noch eine andere Bedeutung haben, da es, wie in dem Lobgesange der Felder, so auch an vielen anderen Stellen der heiligen Schrift auf den Heiligen, gelobt sei Er, angewendet wird, wo ja von einem mühevollen Erringen nicht die Rede sein kann. So heißt es (Hiob, Cap. 12): rum nsy H. Ihm ist Rath und Vernunft. Die Erklärung dafür finden wir im Anfänge des zweiten Kapitels der Sprüche. Dort heißt es: Mein Sohn, wenn du annehmen wirst meine Worte und meine Gebote wirst bergen bei dir, daß dein Ohr der Weisheit horcht, dein Herz sich hinneigt der Vernunft, wenn nur nach vernünftigem Denken du rufen wirst, der Vernunft widmen wirst deine Stimme, wenn du sie suchen wirst wie Silber und ihr nachforschen, wie nach verborgenen Schätzen, dann wirst du durch vernünftiges Denken Gottesfurcht erlangen, und Gotteserkenntniß wirst du finden. Denn der Ewige wird geben Weisheit, aus Seinem Munde Erkenntniß und Vernunft." Hier sehen wir, daß nicht allein die nr»n, Weisheit, sondern auch die runn, Vernunft, bei Gott ist und von Gott stammt. Unser vernünftiges Denken ist demnach, von der von Gott gespendeten ncon, Weisheit, ausgehend, ein Hinströmen zu der höchsten, zu der göttlichen Vernunft. Nachdem wir dieses gefunden, liegt es uns abermals ob, den Unterschied zwischen und runn darzulegen, da die oben angeführte Unterscheidung nicht mehr ausreicht. Wohl ist jene Unterscheidung richtig, insofern sie auf menschliche Weisheit und menschliche Vernunft angewendet wird; aber sie begnügt sich nicht, sobald diese Begriffe auf Gott angewendet werden. — Wir müssen, um

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