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Der Israelit · 1890-01-20 · Heft 6 (20.1.1890) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 6 (20.1.1890)
Date
1890-01-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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wer-s 99 Schönerers mit dem Juden Schmuel Leb Kohn seinerzeit eruirt zu haben, hat nun diesem unbestreitbaren Verdienst ein Neues hinzugefügt, für welches ihn aber, gewiß nicht die Antisemiten, am wenigsten aber Herr Schönerer dankbar sein dürften. Der Nachkomme Schmuel Leb Kohn ist kein Unikum mehr, er hat einen Stammesgenossen hinzu bekommen. Der Homer Schönerers, der Pseudonym Dr. B. B-, der wie wir in unserem letzten Berichte meldeten, den zweifelhaften Muth gehabt, seinen Herrn und Meister Schönerer zu vertheidigeu, indem er das Spottgedicht des Dichters Hamerling auf Schönerer, sogar als eine Lobeshymne deutete, und sich nicht entblödete, selben mit einem Bismark, Jmanuel Kant und mit Martin Luther zu vergleichen, ist nach den neuesten Forschungsresultaten der „Sonn- und Montags-Zeitung" Herr Dr. Bruno Bruckner und ist selber ein Sohn des Inden Anton recte Ahron Bruckner und entstammt von Seite seiner Mutter der in Mähren bekannten Familie Broda, welche in nahen verwandtschaftlichen Beziehungen mit dem jüdischen Abgeordneten Rudolf Auspitz steht. Der Großvater Bruckners, der mit seinem jüdischen Vornamen Baruch hieß, trat zum Christ enthnm über, Weiler in jener Zeit nur durch die Annahme der Taufe die Zuständigkeit in Brünn erlangen konnte. Aber noch auf dem Sterbebette, es leben heute noch Zeugen dieser tragischen Scene, — rief der alte Broda, der Großvater des Herrn Dr. Bruno Bruckner, wehklagend aus: „Schema Israel" begrabt mich nur auf dem jüdischen Friedhofe! Denn in meinem Gewissen und in meiner Ueberzeuguug bin ich noch immer Jude. Ich Hab' mich müssen taufen lassen, weil ich sonst nichtdie Zuständigkeit in Brünn bekommen hätte". . . Mit diesen Worten auf den Lippen starb der alte Broda und wurde selbstverständlich — ans dem christlichen Friedhofe beerdigt. Der leibliche Enkel dieses Juden, der noch in der Sterbestunde den Gott seiner Väter angerufen, hat die Stirne der Racentheorie das Weihrauchfaß zu schwingen! Es hat gewiß zu allen Zeiten unter den Juden auch abtrünnige pflichtuud ehrvergessene Subjekte gegeben — aber cs bleibt immerhin eine bemerkenswerthe Erscheinung, daß die meisten aller jener erbärmlichen Wichte, die seit Jahrhunderten ihre Abstammung schändeten, als begeisterte Apostel des Judenhasses auftraten, daß sie, ganz besonders aber in der Gegenwart mit offenen Armen von den Verkündern der Rassentheorie ausgenommen wurden. Der antisemitische Anhang hier und anderwärts ist aber ein so kopfloser und so jeder Vernunft bar, daß ihn solche Enthüllungen nicht stutzig machen; denn sonst mußte derselbe doch einmal zur Einsicht gelangen und sich sagen, daß dies doch eine ungemein schlechte Sache sein müsse, deren hervorragendsten Vertreter und Vertheidiger sich zumeist aus Abtrünnigen, Verleumdern ihrer angestammten Religion und aus Verleugnern ihrer Familienbande rccrutiren. Anschließend an nufere obige Auseinandersetzung wollen wir über einen Vortrag, den ein Vorstand der hiesigen Cultusgemeinde, Herr Dr. Maximilian Steiner in der vergangenen Samstag Abends im Vereine „Oesterreichich israelitische Union" „über unfern inner» Antisemitismus" unter rauschendem Beifall gehalten und über die Diskussion, die sich an selben entwickelte, welche sehr viele interessante Momente hatte, wenn auch nur auszugsweise Bericht erstatten. Herr Dr. Maximilian Steiner begann mit der Schilderung des Antisemitismus im Innern, welcher bei uns Juden mit jeder freiheitlichen Strömung, die von Seiten der jeweiligen Machthaber kam, begann. Jeder Flügelschlag der Freiheit hatte zumeist das Verlaffen der Religion der Väter zu Folge. So war es in Berlin, wo die Salons der Eskeles und anderer jüdischen Finanzaristokraten die Sammelpunkte aller Geistesadeligen, aber auch die Stätten waren, wo der Uebertritt vom der jüdischen zur christlichen Religion vorbereitet wurden. Die Religion war ein Hinderniß, daß man sobald als möglich dieselbe, weil unbequem, abzustreifen versuchte. Nachdem er das sreformatorische Vorgehen Herz Hamburg und seiner damaligen Gesinnungsgenossen, die in damaliger Zeit großen Einfluß auf den Abfall vom Judenthum übten, schilderte, kam er auf das Hauptthema, auf den hier so im Argen liegenden Religionsunterricht zu sprechen, indem er hervorhob, daß man sich auch hier in Wien im ersten Taumel der Freiheit der Religion zu entledigen suchte und die Abschaffung des Religionsunterrichts im Urtexte, nur in Folge der vielen Petitionen und Beschwerden der Lehrer, zumeist aber der Eltern der Schüler wegen ,Ueberbürdung der Kinder, den Landesschulrath veranlaßten, diesen abzuschaffen und den deutschen Religionsunterricht einzuführen. Das Kind wird dadurch seiner Väterreligion entfremdet, daher die vielen Ueberläufer und Renegaten. Die Aufgabe des Vorstandes wird cs also sein, auf die Vermehrung der Religiousstuudeu und der Ertheilung desselben im hebräischen Urtexte hinzuarbeiten. Nachdem Herr Cultusgemeindevorftand Dr. Steiner unter großem Beifall beendet, meldete sich Herr Lector Friedmann zum Wort und versuchte den Vorredner zn widerlegen, indem er gegen den Religionsunterricht in der Schule Front machte. Wir

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