Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1890)
- Date
- 1890-01-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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92 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. In den Baruch Auerbachffchen Waisen- Erziehungs-Anftalten wurde gestern anläßlich des Heimganges der Kaiserin Augusta, welche den Anstalten eine lange Reihe von Jahren eine huldvolle Gönncrin gewesen war, eine würdige Traucrfeier im Anschluß an den Abendgottesdienst abgehalten. Berlin, 11. Januar. In sämmtlichen Synagogen Berlins fand gestern feierlicher Gottesdienst für das Seelenheil der verewigten Kaiserin A ugusta statt. Die Gotteshäuser vermochten die Schaar der Zuhörer kaum zu fassen. Einen höchst ergreifenden Eindruck machte der Vortrag des Kadisch-Gebetes, das der Rabbiner nach dem stimmungsvollen Todtengebete recitirte. Das nach Berliner Minhag vorgetragene Kaisergebet wurde durch eine der Trauerfeier des Tages entsprechende Einschaltung ergänzt. Am Nachmittag wurde nach dreimonatlicher Unterbrechung der Jugendgottesdienst in der Synagoge der Hauptgemeinde wieder ausgenommen. A. Berlin, 12. Januar. Die Vorstände des „Ccntralvereins für die Gemeindewahlen" haben gestern Abend ihre erste Sitzung nach den Wahlen gehalten. Die Versammlung konnte mit vollster Befriedigung auf die Resultate ihrer Wirksamkeit blicken. Nach 2ljähriger ununischränkter Herrschaft der Reform ist ein günstiger Umschwung eiugetreteu. Sämmtliche Redner betonten, daß nunmehr eine energische Beeinflussung der Gemeindebehörden erfolgen müsse, um in der Handhabung der Gemeindeinstitutionen Wandel zu schaffen. Der religiöse Geist, der aus den Schulen, Waisen- und Krankenhäusern verdrängt wurde, müsse wieder einkehren. Die Mißstände wurden schonungslos gegeißelt und einstimmig beschlossen in nächster Sitzung in die Specialdebatte einzutreten. Am Schluß der Sitzung resumirte der Vorsitzende Herr Repräsentant Leichtentritt die gefaßten Beschlüsse und dankte den Erschienenen für die ^rege Theilnahme an den Arbeiten des Wahlvorstandes, dessen Thätigkeit dem Judenthume zum Heil und zum Segen gereichen möge. A. Breslau. Der vor Kurzem verstorbene Geh. Sanitätsrath Dr. Graetzer hat sein Interesse für die Wissenschaft und für die Commune Breslau noch in seinem Testamente in dankenswerthester Weise bekundet. Wie mitgetheilt wird, hat Dr. Graetzer der Stadtgemeinde Breslau für hygienischstatistische Zwecke ein Legat von 10,000 M. vermacht. Außerdem hat er der Stadtgemeinde Breslau für ihr Statistisches Bureau die statistische Bibliothek und die dahin einschlagenden schriftlichen Materialien, sowie diejenigen Bücher, Brochüren und ^cripturen, welche das Armenwesen betreffen, nach Auswahl des Direktors des genannten Bureaus, letztwillig zugesandt. Seinen Wohlthärigkeitssirm bekundete Geh. Sanitätsrath Dr. Graetzer durch die Zuwendung von je 3000 M. an das Krankenhospital zu Allerheiligen und an das Fränkel'sche israelitische Krankenhaus, an welchem er viele Jahre j lang als Primärarzt gewirkt hatte. i Ratibor, 12. Januar. Die Butterhändlerin j Karoline Widmann aus Liebischau, war am 20. j September v. I. vor dem Amtsborsteher Scholz in Slawentzitz in der dortigen Amtskanzlei, in welcher Beamte beider Konfessionen arbeiteten, als Zeugin vernonimen worden. Bei der Ermahnung seitens des Dolmetschers, sie solle die Wahrheit sagen, da sie ihre Aussage später nöthigenfalls beeiden müßte, hatte die Widmann die Aeußeruug fallen lassen: „Ich bin keine Evangelische und auch keine Jüdin, daß ich einen Meineid leisten sollte." Die hiesige Strafkammer verurtheilte die W. wegen Beschimpfung der evangelischen Kirche und jüdischen Religionsgesellschaft zu 3 Wochen Gesänguiß. Königsberg, 5. Jan. Eines der bekannten Vermächtnisse des verstorbenen Geheimen Commerzieurath Simon hat Veranlassung zu einem Prozesse gegeben, auf dessen Ansgang man recht l gespannt ist. Das Legat im Betrage von 10,000 | Mark sollte bestimmungsmäßig dem „israelitischen! Unterstütznngsverein" Anfällen; dieser hat sich aber! seit Jahr und Tag aufgelöst, ohne daß über die! Auszahlung des Legats eine andere Bestimmung! getroffen worden wäre. Es hat sich nun der so- - genannte „Königsberger Unterstützungsverein" gc-! meldet und erhebt Anspruch auf dieses Vermächtnis;? aus dem Grunde, weil der Legatar bis zu seinem j Lebensende Mitglied dieses Vereins gewesen ist, der! ursprünglich von Mitgliedern jüdischer Religion unter dem Namen „Israelitischer Verein" gegründet wurde, und erst später sich als „Unterstützungs- Verein zu Königsberg in Preußen" konstituirt hat. Da das Kuratorium der Simvn'schen Vermächtnisse die Auszahlung des Legats an diesen Verein! verweigerte, hat sich der Vorstand an den Herrn! Regierungspräsidenten gewendet uab dieser hat dem Verein anheimgegeben, seinen vermeintlichen An-