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Der Israelit · 1890-01-20 · Heft 6 (20.1.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 6 (20.1.1890)
Date
1890-01-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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gendermaßen argumentirt. Da Gott die Zukunft gegenwärtig ist, so kennt Er die Handlungen des Menschen, bevor solche vollbracht sind. Mit jedem seiner Entschlüsse vollzieht er demnach die von Gott vorgesehene, also bestimmte, Zukunft. Er, das Geschöpf, vermag demzufolge gar nicht anders zu handeln, als vorausbeftimmt ist. Gott hat die Sünde aus höherer Weisheit gewollt, um an dem Sünder Seine Gerechtigkeit und Gnade kundzuthun. Der Mensch hat deßhalb sündigen müssen, er stand unter dem Zwange der göttlichen Vorausbestimmung. Die jüdische Lehre weist diesen und allen Einwand, der aus der ersten Sünde des ersten Menschen gegen die sittliche Willensfreiheit gemacht wird, mit aller Entschiedenheit zurück und läßt einem Jeglichen an jedem Tage es neu bekennen, daß die ihm von Gott gegebene Seele rein sei, d. h., daß das menschliche Wesen die ungeminderte Fähigkeit besitze, das Gute, Gott Wohlgefällige, zu wollen und zu vollbringen, und die Kraft des Widerstandes gegen das Schlechte, das Gott Mißfällige. An den Satz njr® m^x "dt ’d knüpft vmr> '“) xon -d ]ron die folgende beherzigenswerthe Erörterung 2): „Ich habe vom Anbeginn dies späteste Endziel verkündet", spricht Gott durch des Propheten Jeschajo Mund2), „im Voraus was noch nicht zur Wirklichkeit geworden; Ich spreche es aus; Mein Plan steht fest, und das von mir Gewollte vollführe Ich." So hat Gott die Zukunft im Voraus enthüllt. So hat Er Moscheh bereits offenbart, was Israel nach Jehoschua's Tode begehen wird: „Du gehst ein zu deinen Vätern, dann wird dieses Volk aufsiehen und den Götzen des dem Lande fremden Unwesens nachhängen, in dessen Mitte es eingehen wird, wird Mich verlassen und Meinen mit ihm errichteten Bund zerstören." Und so geschah es auch; sie brachen Gott die Treue und dienten Ihm nicht. Also hat Gott die Zukunft vorausverkünden lassen. Wer das zuerst angeführte Prophetenwort liest, könnte aus den Gedankeu kommen, daß ein Widerstreit obwalte. „Gottes Plan steht fest", heißt es, und dennoch die Hinzufügung, daß Er Seinen Willen zur Ausführung bringt? Es könnte also noch ein Zweifel darüber sein, ob auch in der That der Rathschluß Gottes zur Wirklichkeit werde? So nicht. Der Wille Gottes ist niemals die Sünde, niemals der sich an dem Sünder vollziehende Akt Seiner Gerechtigkeit. Hat Gott es doch durch Jecheskel^) verkünden lassen: „Ich will nicht den Untergang des Sünders, vielmehr daß er von seinem bösen Wandel lasse und lebe." Das von Gott Gewollte ist demnach eben die Umkehr des Sünders zum Guten. Der Plan Gottes ist eben die Erziehung des Individuums und der Menschheit zum Guten, und die aufrichtige Rückkehr des Sünders zu Gott hebt das ihm drohende Gericht auf. Der Mensch aber ist frei in seiner Entschliessung, er kann sich dem Guten wie dem Schlechten znwenden. Gott hat niemals über ihn verhängt, daß er sich der Sünde hingeben müsse. Wie aber auch die menschliche Intelligenz innerhalb der ihr eingeräumten Grenze den Zusammenhang der Gegenwart und Zukunft, d. i. Ursache und Folge, erkennen und voraussehen kann, ohne durch diese Voraussicht den geringsten Einfluß auf die Gestaltung der Zukunft auszuüben, ebensowenig hemmt die göttliche Voraussicht die freie Selbstbestimmung des Menschen. Der Weise vermag des Leichtsinnigen Ende, der das väterliche Erbe verpraßt und sich dem Müssiggang ergibt, sehr wohl vorauszusagen, obgleich er in gar keiner Beziehung zu ihm steht, obgleich er ihn keineswegs zur Fortsetzung seiner unvernünftigen und unheilvollen Handlungsweise verleitet, vielmehr ihn warnt und ermahnt, davon abzulaffen. Wenn der Untergang des Leichtfertigen endlich hereinbricht, ganz so wie es der Weise lange vorausgesagt, so hat gleichwohl dieser nicht den geringsten Antheil an der thörichten Entschließung des Leichtsinnigen gehabt, welcher unter Verachtung der weisen Mahnung sich selbst den Untergang bereitet. Wenn aber die menschliche Weisheit dergestalt vorauszuschauen vermag, um wie viel mehr die göttliche; die Willensfreiheit des Menschen wird dadurch nicht im Geringsten gehemmt. So war es lediglich Israels Schuld allein, wenn es nach dem Tode Jehoschua's Gott die Treue brach; es konnte ebensowohl seine Pflicht üben; in freier Selbstbestimmung entschloß es sich zum Abfall. Noch in letzter Stunde kann der Frevler in seiner Sünde innehalten und dadurch das ihm drohende Unheil abwenden. Diese Aufhebung lag von vornherein in dem göttlichen Plane, dessen Endziel nicht der Untergang, sondern die Rückkehr des Sünders ist. Mit der freien Selbstentschließung befinden sich auch die bei Pharao wiederholt angeführten ,»jxi 2^ ns nttpx »jxi ,njns 2b nx 'n ptm 12^ nx p*nx nx Tnron ’jxi ,njns. Es wird im Midrasch Raboth zur letzteren Stelle schon der Ausspruch R. Jochanan's mitgetheilt: ab "toiV ne pnns;xdd mwn rmyw \jdd nnvi, daß hieraus die Gesetzesverächter Anlaß nehmen, die Willensfreiheit zu leug- 2) D >“□") niDfc'. 3) Kap. 46, 10. 4) Kapitel 33.

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