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Der Israelit · 1890-01-20 · Heft 6 (20.1.1890) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 6 (20.1.1890)
Date
1890-01-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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xXxi. Jahrgang. M 6. ^-s^/INXFURl Israelit «* Zeschurun. Zettschrist M prötrung D. Geikles nnD iiiö. Lebens in Uns. Gemeinde nnd Mnie. Gentrat-Hrgan für das orthodore Zudenlhum. Herausgegeben von Dr. Lehmann iit Mainz. * Montag, den 20. Januar 5650 (1890). Leitende Artikel. Die Witlensfreiyeit. Von Jsaac Hirsch. Die Tugend hat die Willensfreiheit zur nothweudigen Voraussetzung. Ist doch Tugend nichts anderes als die Fähigkeit zur Uebung des Guten, als die Kraft zur Beugung der Begierde unter die Herrschaft des Gesetzes, als die Beharrlichkeit des Wollens in der Bethätigung der Pflicht. Würde der Mensch gleich dem Thiere dem blinden Triebe allein gehorchen müssen, so wäre auch auf ihn der Begriff der Tugend unanwendbar. D"m mnm „Wähle das Leben" lautet unseres großen Meisters Moscheh Mahnung, du hast die Wahl, du vermagst auch für den Untergang dich zu entschließen, du kannst dich zu dem Schlechten, d. i. dem Gott Mißfälligen, ebensowohl wenden, wie zu dem Guten, d. i. dem Gott Wohlgefälligen. Als der erste Mensch vor den freien Entschluß zur Bethätigung seiner Pflicht in der Beobachtung des Gottesgesetzes gestellt war und er sich in Gegensatz zu demselben brachte, da lautete der göttliche Ausspruch uöö nnto ,vn o-isn \n „so ist denn der Mensch wie der Eine seiner Wahl Ueberlassene geworden." 2) Er hatte die Freiheit, sich dem göttlichen Gebote zu fügen, aber ebenso sich ihm zuwidersetzen und der Stimme seiner Begierde zu gehorchen, er entschloß sich für das Letztere, dk &n 2'v'ri «b oni mw a'trn, sprach Gott zu Kajin nach dessen Frevelthat. „Ob du den dir verliehenen Vorzug der Willensfreiheit zum Guten oder nicht zum Guten verwenden wirst, dazu ruht die Sünde vor der Thür." Die dir gleich dem Thiere verliehene Begierde und Leidenschaft beherrscht das willenlose Thier, der Mensch aber soll sie frei beherrschen, er vermag es, eben weil er frei ist, weil ihm zugleich die Fähigkeit gegeben ist, sie im freien Entschlüsse zu meistern und zu lenken nach dem Diktate der Pflicht. Das Wollen des Menschen soll von seiner Vernunft regiert werden, und diese weist ihn auf die Uebung des Guten hin. Es gibt keine größere Unvernunft als die Sünde, d. i. der Ungehorsam gegen das göttliche Gesetz. Der Mensch sündigt nur dann, wenn er sich der Thorheit hingibt, ist ein alter Satz, denn es ist die höchste Thorheit, sich gegen Gott, unfern Schöpfer und Herrn aufzulehnen, der allmächtig und allwissend ist. Unser Wille soll unter der Herrschaft unserer Intelligenz stehen, die uns das von Gott Gewollte erkennen läßt, no d-?n i? Tan, Gott hat uns geoffenbart, was das Gute ist, was Er von uns erwartet. Die sittliche Freiheit besteht aber in dieser Meisterschaft über unser Wollen. Sie macht uns frei von der Gewalt der Leidenschaft, sie erhebt uns über das Thier, welches Sklave seiner Begierde ist. Thoren, die schrankenlos ihrem Triebe folgen und diese Zügellosigkeit als den höchsten Triumph der menschlichen Freiheit bejubeln. Sie sind gerade die Unfreien, die Schwachen. Frei und stark und weise ist nur der, der sich die Freiheit seines Entschlusses zur gottgefälligen That zu erhalten weiß und diese in der Beherrschung des Sinnenreizes zu bethätigen vermag, das Schlechte meidend, das Gute übend. Nur der Weise ist frei, Thor ist der Sklave. Diese sittliche Freiheit des Menschen steht keineswegs im Widerspruche mit der Allwissenheit Gottes, wie man sowohl in alter Zeit wie auch in der Gegenwart in manchen außerjüdischen Kreisen anzunehmen geneigt ist, indem man ungefähr fol- 1) Siehe Hirsch's Commentar z. St.

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