Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1890)
- Date
- 1890-01-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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74 jestät und überreichte auf silbernem Teller die vom Kaiserpaare gespendete Ehejubiläumsmedaille. Der Jubilar überwies an seinem Ehrentage den Armen der Stadt eine größere Geldsumme. Ein größeres Familienfest schloß die schöne und erhebende Feier. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 10. Januar. Vergangenen Samstag Abends fand hier im Bezirk Rossau eine Generalversammlung der Mitglieder des Tempelvereins des IX. Bezirkes statt. Auf der Tagesordnung stand das Spielen der Orgel am Sabbat und an Feiertagen. Bekanntlich wurde in dem neuerbauten, erst vor dem Neujahrsfeste eingeweihten prachtvollen Tempel vom dortigen Vorstande, entgegen dem Wunsche und trotz des Protestes der in Minorität gebliebenen Orthodoxen, die Orgel eingeführt. Vielleicht wissen auch Ihre Leser, daß Herr Rabbiner Dr. Güdemann, der im Anfänge den Tempelbau mit der Bedingung, daß keine Orgel daselbst einZeführt werde, förderte und sehr unterstützte, später, als gegen seinen Willen eine solche eingeführt wurde, zwei Tage vor der Einweihung, welchen feierlichen Akt er zu vollziehen bestimmt war, die Einweihung desselben verweigerte. Doch die Orgel war einmal da, und beschränkte man sich, selbe nur bei Trauungen spielen zu lassen. Bei der Samstägigen Generalversammlung wurde nun von den radikalen Reformern der Antrag gestellt, daß dieses Instrument auch an Samstagen und Feiertagen gespielt werde. Was aber das Curioste ist, daß ein Religionslehrer oder besser gesagt, ein „Religionsleerer", ein Herr Weiß für die Einführung derselben mit Feuereifer einstand und feine Ausführungen sogar — man höre und staune — mit dem Talmud zu begründen sich vermaß. Doch fanden sich viele Gegner der Orgel, wie z. B. das neugewählte Vorstandsmitglied der Cultusgemeinde Herr Privat- Docent Dr. Mrünfeld, das Vorstandsmitglied Dr. Steiner und viele andere, wie Herr Wilhelm Pappen he im, die in gründlicher und energischer Weise gegen die Einführung der Orgel, besonders aber gegen das Spielen derselben an Samstagen und Feiertagen Stellung nahmen. Ihre Widerlegung der Argumente des reformirten ReligionslehrerS war eine so gründliche und überzeugende, daß bei der Abstimmung die Majorität der Versammlung sich gegen das Spielen der Orgel an Samstagen und Feiertagen erklärte. Wir schließen mit dem Wunsche, daß die nächste Generalversammlung die Hinausschaffung der Orgel aus der Synagoge beschließen möge. Lö .... Wie«. Vor Kurzem hielt sich auf seiner Durchreise nach Konftantinopel der neuernannte Gesandte der Vereinigten Staaten Nordamerikas in Konstantinopel, Herr Salomon Hirsch einige Tage dahier auf. In einer mit dem Reichsrathabgeordneten Herrn Rabbiner D r. Bloch stattgehabten Unterredung machte derselbe nachstehende Bemerkung über den Unterschied zwischen Europa und Amerika. „Ich muß staunen über die Kurzsichtigkeit und Unklugheit der europäischen Regierungen. Der Unterschied zwischen den Staaten Europas und denen Amerikas muß ja Jedem ins Auge fallen. In Amerika haben alle Volksklassen ohne Unterschied der Religion, die ihnen gebührende Geltung im Staate; sie arbeiten alle an der Entwickelung des Staates mit, der deßhalb kräftig gedeiht und den Wohlstand des Volkes fördern kann und auch fördert. In Europa hingegen sind oft viele nützliche Klaffen des Volkes wegen ihrer Religion von der Mitwirkung zum Wohle des Staates ausgeschlossen. Was Wunder nun, wenn in diesen Staaten der Wohlstand im Niedergang begriffen ist. Vor meiner Abreise aus meiner Vaterstadt Portland haben die Behörden mir zu Ehren ein Bcmquett veranstaltet, wobei die höchstgestellten Männer in ihren Toasten hervorhoben, daß sie mich zumeist deßhalb feiern, weil ich, trotz meiner hohen Stellung, meinem Glauben und meinem Namen treu geblieben bin. In Europa bemerke ich, daß viele hochgestellte Juden bei jeder Gelegenheit ihren Glauben und ihre Abstammung verleugnen, ja sogar ihren Namen ändern." Korneubrrrg, 9. Januar. In dem niederösterreichischen Städtchen Ziersdorf war es seitens einer dortigen antisemitischen Partei wiederholt nicht blos zu Drohungen, sondern auch zu thätlichen Ausschreitungen gegen die Juden gekommen, so daß die politische Behörde sich veranlaßt sah, zum Schutze gegen diese Bestrebungen eine Gendarmerie- Abtheilung aufzustellen. Diese Gendarmerie wurde nun in mehreren Briefen an das Kreisgertcht Korneuburg beschuldigt, zu Gunsten eines Juden die zu ihrer Kenntniß gelangten strafbaren Handlungen desselben nicht zur Amtshandlung .'angezeigt zu haben. Die Briefe waren mit einer gefälschten Unterschrift versehen und enthielten im Speziellen die Behauptung, daß die szum Schutze gegen den Antisemitismus aufgestellte Gendarmerie mehrere verbrecherische Handlungen eines Juden, nämlich Betrug, Wucher und Tödtung eines Kindes', nicht, wie es ihre Pflicht gewesen wäre, zur Anzeige gebracht hatte. Da auf solche Wetse die Gendarmerie