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Der Israelit · 1890-01-16 · Heft 5 (16.1.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 5 (16.1.1890)
Date
1890-01-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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71 Feuilleton. Wallungen. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Sie schob das Kinderbett dicht vor ihr eigenes Bett und so oft der Kleine im Laufe der Nacht seine Stimme hören ließ, flugs war sie bei der Hand, seine Bedürfnisse zu befriedigen, und als Wildau am folgenden Morgen die Augen aufschlug, erblickte er seine Frau schon am Bette des Kindes, dem sie die Milchflasche reichte, und dabei blickte sie den Kleinen so liebevoll an — das Herz zog sich ihm zusammen — er sah voraus, es werde abermals ein Schlag für sie sein, wenn sie das Kind, das sie bereits so liebgewonnen, werde lassen müssen. Trotzdem zögerte er nicht, zu thun, was er als Pflicht betrachtete; in den gelesensten Blättern der Provinz berichtete er über die Rettung des Kindes und über dessen gegenwärtigen Aufenthaltsort. Doch Tag um Tag verging; aus den Tagen wurden Wochen und aus den Wochen Monate und noch immer hatte kein Mensch nach dem Kinde gefragt, das defl Pflegeeltern mit jedem Tage theurer ward. Es entwickelte sich herrlich, schon wandte es das Köpfchen um, wenn es Hugo gerufen ward, kannte die Eltern, die Magd, und erwies sich überhaupt als überaus gescheidtes Bübchen. Es war ein milder Sommerabend, Frau Wildau hatte das Nachtessen in der Laube serviren lassen, dort saß sie nun an des Gatten Seite mit dem schönen Kinde auf ihrem Schooße. Das lebhafte Kind griff nach allem Glänzenden, jetzt hatte es einen silbernen Löffel erhascht und bemühte sich, denselben seiner Pflegemutter in den Mund zu schieben. Frau Wildau lachte herzlich. „Genug, genug, Hugo, ich bin schon satt." Aber der Kleine ließ sich von seinem Vorhaben nicht so rasch abbringen; erst als Herr Wildau die Serviettenringe auf dem Tische rollen ließ, griff das Kind nach dem neuen Spielzeug. „Du verwöhnst den Kleinen," sagte Wildau tadelnd, „außer wenn er schläft, ist er den ganzen Tag auf Deinem Arm. Hat denn die Liesbeth nie Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen?" „Zeit hätte sie wohl", erwiderte sie, „aber das Kind, es ist doch unser Eines und unser Alles — wenn ich es eine Viertelstunde nicht bei mir habe, daun überfällt mich immer die entsetzliche Angst, es könnte uns genommen werden." Wildau unterdrückte einen Seufzer. „Es ist in der That ein Wunder, daß es nicht längst von uns gefordert worden ist " Seine Frau erblaßte. „Wer könnte es von uns fordern?" fragte sie erregt, „jetzt gehört es uns." Er zuckte die Achseln. „Wenn die Eltern es fordern würden, könnten wir es ihnen nicht verweigern. — Doch ich vermuthe, daß dieselben damals bei dem Hochwasser umgekommen sind, sonst wäre es doch nicht denkbar, daß sie sich um ihr Kind nicht kümmern sollten." „Ich wünsche keinem Menschen Böses," sagte sie, mit unendlicher Zärtlichkeit auf das Kind herniederblickend, „aber — wer mir unfern Hugo entreißen wollte. — Uebrigens glaube ich auch, daß er keinen schlechten Tausch gemacht haben wird. Wir sind reich und nachdem der Himmel alle unsere eigenen Kinder wieder zu sich genommen hat, ist dieses liebliche Bürschchen unser einziges Kind, und ich habe mir schon oft gedacht, wir sollten es in gesetzmäßiger Form adoptiren und nie sollte es erfahren, daß es nicht unser leibliches Kind ist." „Auch ich habe mich schon mit demselben Gedanken getragen; doch ich glaube, wir warten noch einige Monate, bis wir mit noch größerer Wahrscheinlichkeit annehmen können, daß das Kind uns nicht mehr abgefordert werden wird." j „Wie Du meinst — aber ich dächte, wir hät- ] ten das schon jetzt nicht mehr zu fürchten. Aber sieh' da nur den frommen Knaben," sagte sie « lachend, „er will durchaus das Kreuz küssen." ] „Er scheint vielmehr die Brillanten, die daran sind, essen zu wollen", entgegnete er lächelnd. Ein Schatten glitt über ihre eben noch so klare Stirn; sie preßte die Lippen aufeinander und erst nach mehreren Minuten, währenddem er sich mit dem Kind beschäftigt hatte, begann sie von neuem mit einer ihr sonst nicht gewöhnlichen Schüchternheit. „Ulrich — ich habe eine Bitte an Dich — eine große, große. Bitte. —" „Wie Du so feierlich sprichst," entgegnete er lächelnd, „weißt Du denn nicht, daß ich mit Freuden jeden Deiner Wünsche erfüllen möchte, vorausgesetzt, daß es in meiner Macht ist." „Es ist in Deiner Macht", erwiderte sie eifrig. „Dann verspreche ich Dir im Vorhinein, daß ich Deine Bitte erfüllen werde, denn ich bin überzeugt, daß Du nichts Unrechtes von mir verlangen wirst." „Dank Dir, Du nimmst mit Deinem Versprechen eine ernste Sorge von meinem Herzen."

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