Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1890)
- Date
- 1890-01-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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70 Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien, 10. Januar. Die Antisemiten haben gestern wieder im Gemeindcrathe ihrem Haß gegen die Juden Luft gemacht und ihren Hexensabbat aufgeführt. Besonders läßt Herr Vetter keine Gelegenheit vorübergehen um den Juden eins zu versetzen. Wenn sich auch eine Solche gar nicht darbietet, thut nichts, „der Jude wird verbrannt", und wenn auch eine Judendebatte bei den Haaren herbeigeschleppt werden muß. So machte es auch der antisemitische Gemeinderath Vetter in der gestrigen Gemciuderathssitzung, indem er den Verhandlungen über das Gemeindebudget durch seine Hetzreden eine gehässige Wendung gab. Von der Wasserleitung kam er aus die Gasgesellschaft, von dieser auf der Tramway zu sprechen, von der Tramway hatte er nicht mehr weit zu den Juden, welche ihm zu viel in Wien sind, während die Christen viel zu wenig nach Wien kommen. In seiner antisemitischen Unverfrorenheit verstieg er sich zu den Worten: Leute kommen genug nach Wien, aber was für Leute! Mauscheln, die armselig zur Linie hereinkommen, einigemale umwerfen und dann Paläste bauen. Das sind die nomadisirenden Blutegel, welche das einheimische Gewerbe schädigen, weil ein ehrlicher Mann mit ihnen nicht konkurriren kann." Doch zum Tröste sei es gesagt, daß Herr Vetter sein Pulver umsonst verpuffte. Die Antisemiten, besonders aber dieser „grobe Vetter" haben es durch ihr vernunftwidriges, rohes Treiben dahin gebracht, daß sie schon lange im Gemeinderathe nicht mehr ernst genommen werden, und unter schallender Heiterkeit wurde Herrn Vetter von dem liberalen Gemeinderathe Frauenberger heimgeleuchtet, indem er selber betreffs seinem Angriffe gegen die Juden bemerkte, daß „die Katze das Mausen nicht lassen könne." Er machte sich über die Zerfahrenheit der vielen antisemitischen Fractionen lustig, daß es nämlich so viele Parteien und noch mehr Führer unter -ihnen gebe, so daß man heute gar nicht weiß, wer der Führer sei. Doch, daß es Angeführte genug gebe, das wisse man bestimmt. Hoffentlich wird das angeführte und betrogene Volk baldigst .zur Einsicht gelangen, daß nicht jene Maulhelden seine richtigen Führer sind, da sie anstatt das Wohl desselben zu fördern, c8 durch das Ausstreuen des Samens der Zwietracht und des Hasses gegen ihre jüdischen Mitbürger, dieses untergraben. Daß ihr Treiben eitel Lug und Trug ist, dies muß ja schon der Kurzsichtigste .einsehen. Dieses verlogene Gebühren hat sich am offenkundigsten erst neuerdings anläßlich > des van dem deutschen Dichter Rosegger im „Heimgarten" veröffentlichten Spottgedichtes Robert Hamerlings an den Ritter v. *** (Schönerer) gezeigt, in welchem der Ritter ohne von und mit Tadel, als Judenfresser und „Schinderhannes" dargestellt wird. Bekanntlich beschuldigte der antisemitische Abgeordnete Herr Vergani in jseinem „Deutschen Volksblatte" Herrn Rosegger als Fälscher. Doch zu unserer Ueberraschung gesteht jüngstens der Abgott der hiesigen Antisemiten Herr Schönerer in seinem Organe den „unverfälschten deutschen Worten" selbst ein, daß das Gedicht von Hamerling echt sei und der Schlußpassus des Gedichtes: „Ich achte Dich, dieweil es zwar nicht Schlimmere, als Du bist, gibt, doch, was noch schlimmer: Dümmere!" ein Eompliment für Schönerer sei. Man muß über die Verlogenheit, zugleich aber über die Begriffstutzi gkeit unserer Antisemiten staunen und sich unwillkürlich an das Wort des Altmeisters Göthes: „Nur Lumpe sind bescheiden" erinnern, wenn Herr Schönerer die Titulatur „Schinderhannes" und „Esel'' für Complimente hält. Herr Schönerer hat nach unserer Ansicht jetzt den Beweis erbracht, daß es nicht nur keine Schlimmere, sondern auch schwerlich Dünrmere unter den Antisemiten gibt. Lö.r. Boskowitz. > Ein freudiges Eretgniß traf heute hier in einem israelitischen Hallse ein. 'Die armeWittwe Johanna Alt manu gewann nämlich auf Serie 844 Nr. 58 den Haupttreffer mit 200,000 Gulden, bei der am 2. d. M. stattgefnnnen Ziehung der Wiener Communal-Loose. Boskowitz, 9. Januar. Montag, den 6. d. MtS., Nachts ist hier der Kaufmann Herr Emanuel Berisch nach kurzem Krankenlager im 66. Lebensjahre in ein besseres Jenseits verschieden. Ein ehrendes Zeugniß von der hohen Achtung, deren der Heimgegangene, welcher durch mehrere Jahre Mitglied des Gemeindeausschuffes war, dann das Amt eines Gcmeinderathes und mm das eines Cultusrathes bekleidete, in Folge seiner schätzenswerthen Charaktereigenschaften in allen Kreisen sich erfreute, gab das heute stattgefundene Leichenbegängniß, an welchem sich die Gemeindevertretung, mehrere Beamte und ein zahlreiches Publikum betheiligte. Im Trauerhause sprach Herr Rabbiner Reich, welche Rede einen wehmüthigen Eindruck machte. Möge dem Dahingeschiedenen die Erde leicht sein!