Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1890)
- Date
- 1890-01-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448029--29314-2477040- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
50 Egypten war damals der höchstentwickelte Kulturftaat und zählte nach den historischen Ueberlieferungen fast zwanzigtausend Städte. Es war das Wunderland des Alterthums. Nach den Mittheilungen Herodots, welcher um etwa ein Jahrtausend nach dem Aufenthalt der Israeliten das Land kennen lernte, war das Volk der Egypter und das Staatswesen ebenso eigenartig, wie das Klima und die Bedingungen des Wohlstands und die altersgraue Kultur. Die Bevölkerung schied sich streng in fünf verschiedene Klassen, deren Angehörigkeit nicht durch die freie Bestimmung des Individuums bedingt war, sondern durch die Geburt. Es wurden Hirten, Ackerbauer, Handwerker, Schiffer, Krieger und Priester in Egypten geboren, der Sohn zählte zu der Kaste des Vaters und war an dessen Beruf zeitlebens gebunden. Die eingewanderte ebräische Familie ward diesen Kasten als gesonderte Sklavenkaste hinzugesügt. Handel und Gewerbe blühten, die Wissenschaft wurde von den Priestern gepflegt. Das Religionswesen, von den letzteren gehandhabt, war die Vergötterung der Naturkräfte. Zwanzig Götzen theilten sich in der Anbetung des Volkes, acht alte und zwölf jüngeren Datums. Außerdem ward eine Reihe von Thieren göttlich verehrt; der Stier des Phta, die Kuh der Isis, die Katze, der Wolf, der Storch, die Maus, der Löwe, der Adler, der Ichneumon, das Krokodil. In den ebräischen Sklaven aber lebte der Gedanke an den Einen - Einzigen Gotte und die den Ahnen ertheilte Verheißung von der Ausbreitung des die Welt umfaffenden Gottesreichs, in welchem kein Raum vorhanden für die Mißhandlung der Menschenfreiheit, von dem armseligen Menschenwahn der Naturvergötterung, und das Bewußtsein, daß ihm, dem an die Sklavenkette geschmiedeten Elenden, die hehre Bestimmung des ersten Ahn geworden: dbo N-)j?S Verkünder eben dieses Gottesreichs zu sein. In ihm lebte fort der letzte zuversichtliche Ausspruch des großen Joseph: nps> Dsm, „Gott wird einst euch bedenken", wird mit allgewaltigem Arm eingreifen in euer leidvolles Geschick „und euch von diesem Lande hinaufführen in das Land, das Er Abraham, Jizchak und Jakob zugeschworen." Und als Seine Weisheit die ersten Stadien der Erziehung des Hauses Jakobs vollendet sah, da sprach Er das Wort der Erlösung: ntn, „Ich habe das Elend Meines Volkes, welches in Mizrajim ist, wohl gesehen und ihren Schmerzensschrei vernommen, habe seine Leiden erkannt; darum lasse Ich Mich hernieder, eS zu retten." Moses Sendung an den egyptischen König hatte aber das Entsetzliche bewirkt, daß in hohnvoller Grausamkeit das Loos der Sklaven noch schrecklicher gestaltet wurde. Verzweifelung nahm das Volk gefangen und gramerfüllt wagte Moses die bange Frage: „Zu welchem Zwecke hast Du diesem Volke solches Unglück beschießen?" Darauf ward ihm die Antwort Gottes: nny ns-in „Dies ist gerade der Moment, den Ich erwartet. Es muß sich erst diese völlige Ohnmacht, diese Verzweiflung gezeigt haben, muß erst am Tage liegen, daß durch Menschen nichts auszurichten und gewöhnliche Vorstellungen bei Pharao nutzlos sind; es müssen erst Moses und Aaron den Vertretern des Volkes gegenüber in ihrer völlig nackten Nichtigkeit verstummt dastehen, ehe die Erlösung als Gottes-Werk beginnen kann. Mit diesem Moment war auch der letzte Schein etwa vorhandener natürlicher Hilfsmittel geschwunden, war Moses nur als Werkzeug und das Werk als Gott es werk gekennzeichnet, rip-n -r, die höhere, unwiderstehliche Gottes-Hand soll dann sichtbar werden, darum war dieser Moment der Verzweiflung nicht zu ersparen *). Und Gott trat ein, Allen für alle Zeiten sichtbar, für das mißhandelte und geknechtete Volk, für „Sein Volk" und M-M22 o’tdn x'rnv „führte die Gefesselten in ihren Ketten hinaus," Seine allgewaltige Hand zertrümmerte die ohnmächtigen Gewalten, die vermeintlichen Schutzgötter Egyptens, und zwang den Stolz Egyptens zum Verzicht auf feine Sklavenkaste. Israel zog zur Freiheit und ward das Priestervolk der Menschheit-Jahrhunderte und Jahrtausende wechseln; Israel ist noch immer nicht auf der Höhe seiner Bestimmung, und die Menschheit harret mit ihm der Vollendung des Gottesreichs. Noch ist nicht der heidnische Wahn gewichen aus dem Herzen Israels und der Nationen. Israels, des schwachen, zerstreuten Volkes, Dasein inmitten der Kulturvölker des Abend- und Morgenlandes, inmitten des Getriebes der Staatengeschichten, des gegenseitigen Kampfes um die Herrschaft, des inneren Streits um die Gestaltung der Gesellschaftsordnnng, ist das Merkzeichen für das Gottesretch. Wunderbarer als des alten Egyptens Wunderftaat ist des ohnmächtigen Israel Erscheinung. Sie legt Verwahrung ein gegen die Vergötterung aller irdischen Potenzen, Verwahrung gegen denbejammernswerthen Wahn, der, wie die egyptischc Größe glaubt, daß es der Menschen höchste Weisheit sei, „sich selbst zu schaffen," die Bedingung der Wohlfahrt, * ') Hirsch'8 Eommentar zur Stelle.