Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1890)
- Date
- 1890-01-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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37 einer jüdischen Zeitschrift Jnrressirendes in die Oeffentlichkeit. Das liegt an den Verhältnissen. In der jüdischen Gemeinde einer Großstadt pulsirt in der Regel das Interesse am Gemeindeleben und auch für jüdische Angelegenheit überhaupt nicht so rege als in kleineren Orten: es sei denn, die Gemeinde gehöre an altem Ruf und an Zahl zu den bedeutendsten im Reich. — Gewöhnlich wird dann dieses Interesse nur bei besonderen Anlassen angeregt, z. B. bei Gemeinderathswahlen. — Auch diese liegen nun schon über 1 Jahr hinter uns, da der hiesige Gemeiuderath sich alle zwei Jahr nur um ein Drittheil neu ergänzt. Aber das wenigstens haben die letzten Wahlen gezeitigt, daß sonst hochachtbare, aber dem Judcnthum und seinen Interessen fern stehende Männer ihre Plätze Solchen räumen mußten, denen noch ein Herz schlägt für das Judenthum und die Antreten für den Fortbestand altgeheiligter Institutionen. Man muß nun allerdings hier in Dresden bescheidene Anforderungen stelleir, denn eigentlich orthodox Gesinnte gibt es hier kaum. Diejenigen, die hierorts das religiösere Glement vertreten, würden vielleicht in manchen Augen als recht frei gelten. — Aber die Schaar der Indifferenten, die ist groß. Zwar ist darin in etwas in letzter Zeit Wandel geschaffen worden. Dazu tragen vor Allem die drei die Geselligkeit pflegenden Vereinigungen ihr Theil beisie erneuern und stärken jedenfalls das Gefühl einer gewissen Zusammengehörigkeit: das sind die Fraternitas-Loge «dem Orden Bnai- Berith zugehörig) die ca. 80 Glieder, darunter einige Gemeindedepntirte zählt, die Harmonie, etwas exklusiv und nicht öffentlich und der Bruder-Verein. Dieser letztere tritt durch Verunstaltung Jedermann frei zugänglicher Vorträge, durch die Publikation seiner ' sonstigen Veranstaltungen allein au die Öffentlichkeit. — Am letzten Ghanuka fand die seit Jahren in unzulänglichen Räumen abgehalteue Feier der Religionsschule in der üblichen Weise (Ansprache durch Rabbiner H. Dr. I. Winter, Anzünden der Lichter, Gesänge, vorerst der Humne, Deklamationen uub Vertheilung von Obst und Backwerk) zum erstenmalc in den schönen, renovirtcn Sälen von Brauns Hotel bei ziemlicher Betheiligung statt. Zwei Beschlüsse in einer der letzten Gemeiudcrathssitzuugen dürften das Interesse weiterer kreise beanspruchen. Die Wiederherstellung des offieiellen rituellen Tauchbades, wie die Uebernahme des bisher in Händen von Privatunternehmern gewesene Nebengottesdienstes an den höchsten Feiertagen durch die Gemeindeverwaltung. Da aber bei uns für Roschhaschonoh-Jomkippur das Stein sche Machsor (für den übrigen Theil des Jahres das Joäl'sche Gebetbuch» eingeführt ist, welches dein Ghorgesang, Orgelspiel und dem Prediger bekanntlich eine Hauptantheilnahme an dem religiösen Zeremoniell und den Ritualien zuertheilte, so durste die Frage, nach welchem Machsor oder Ritus die Gottesdienste geleitet werden sollen, noch zu lösen sein. Jin llebrigen lvird die Frage eines Renbanes einer Synagoge do,ll inil der Zeit bald eine dringende werden. Das vom Riester Gottfried Semper in der« Jahren l s;is —40 erbaute, einfach aber insbesondere im Innern edel charakteristisch gehaltene Bauwerk genügt für die höchsten Festtage nicht mehr dem Bedürfnis;, und die Unsicherheit des Fundamentes gestattet keine Umbauten mehr. Das .'><»jährige Jubiläum der Ginweihungsfeier unserer Synagoge wird übrigens am 8. Mai unter großen Festlichkeiten begangen werden. Pt 11 ß l a n d. Odessa, lieber die Ausweisung von lw» Studenten von der Universität Odessa wird der „Wiener i. Allg. Ztg." Folgendes berichtet: CviHe Anzahl ^tn- I deuten, Streber, hatte eine Bereinigung, eine Art jj geheime Polizei gebildet, um das „Zarenthnm und den orthodoxen Glauben" zu unterstützen. Gin Mitglied dieser Verbindung ließ sich in einem Dagesjouroal in marktschreierischer Weise als Lehrer ankündigen. Gine Anzahl von Studenten erhob dagegen Protest. Da »ich unter den Prolestirendeu auch viele jüdische Studenten befanden, betchlosten die Zartsten, vor Allem ihr Müthchcn an den jüdischen Kollegen zu kühlen. Gin schioächlicher jüdischer Student wurde von ihnen im Universitätsgebäude überfallen und schrecklich mißhandelt. Die christlichen Studenten nahmen stch des allgemein beliebten .llollegen an und beschlossen, einen Ghrenrath zur Bcnrtheilnng des Falles einzusetzen. Dies bewog andererseits die Juristen, eine dennneiatorrsche Gingabe an die Behörden zu richten, in welcher alle Kollegen als Geheimbündler und Nihilistcu hingeftellt wurden. Demzufolge wurden sünszehn Studenten ohne jede Untersuchung relegirr und ihnen der Befehl ertheilt, Odessa binnen viernndzmanzig Stunden zu verlassen. Die Kollegen, empört über diese schreiende llngereehtigkeit, erschienen in geschlossenen Reiben im Rektorate und verlangten die Zurücknahme dllsts Urtheils und die Ginleitung einer unbefangenen Untersuchung. In dieser Massendepulntiou erblickte die Polizei ein neues Verbrechen und denen Bestrafung Ueß nicht lange auf sich 'warten : Hnndertdreißig Studenten, zumeist Polen und Juden, wurden relegirk und ans Odessa ansgewiesen.