Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1890)
- Date
- 1890-01-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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26 setzt war, bei der ersten Ueberschwemmung des Tigris unter Wasser gesetzt zu werden. Man versuchte es mehrfach, die Zurücknahme dieses Befehls bei der Obrigkeit durchzusetzen, doch ohne Erfolg. Inzwischen erfolgte das Ableben eines ehrwürdigen Rabbiners, Abdallah Somekh. Dieser Ehrenmann stand in großer Achtung, er hatte der Gemeinde zahlreiche Dienste geleistet, die ihm fast alle nützlichen Einrichtungen dankt, die sie heute besitzt. Sein Ruf war bis nach Indien verbreitet, und die Israeliten jener Länder, die ihn wie ein Orakel betrachteten, sandten ihm alle Jahre bedeutende Summen für das Seminar, welches er seit 55 Jahren leitete. Kurz, er war ein Heiliger in den Augen der ganzen Region, und sein Tod wurde wie eine öffentliche Ealamität betrachtet. Als er am 14. nach lOtägiger Krankheit starb, wandten sich die Hauptrabbiner von Bagdad an den Bali mit der Bitte, den Verstorbenen auf den alten Kirchhof der Gemeinde beisetzen zu dürfen. Herr- Joseph Schemtob, ein israel. Rotabler, Mitglied des Rathes des Vilajet, hatte sich der Deputation angeschlossen. Der Vali verweigerte die verlangte Erlaubniß, gestattete aber das Begräbniß in „Eohen." „Cohen" ist ein Pilgerort, den die Juden seit undenklichen Zeiten in einer Kilometer - Entfernung von dem arabischen Viertel besitzen. Der von ihnen errichtete Bau soll das Grab des Oberpriesters Josua bedecken, und wird hier gewöhnlich „der Cohen" benannt. Sie begeben sich 3u gewissen Tagen des Jahres dorthin, um zu weinen und zu beten. Ein Muselmann bewacht das Grab, weil ein Israelit an einem so einsamen Ort nicht in Sicherheit wäre. Rahe diesem „Eohen" haben die Israeliten einen Gottesacker, der die Gebeine derjenigen aufnimmt, die außerhalb Bagdad sterben, und denen das lokale Vorurthcil den Eingang in die Stadt untersagt. Im Innern des „Eohen" wird nicht beerdigt, dennoch befindet sich in einer Seiten- , nische das Grab eines berühmten Rabbiners Ja- 'coub, der vor circa 40 Jahren gestorben ist. Das Begräbniß fand also in der Nacht vom 14.—15. statt; fast alle zur Zeit in Bagdad anwesenden Israeliten machten es sich zur Pflicht, demselben beizuwohnen; man kann deren Anzahl wohl ans 2000 schätzen. Um 9',2 Abends gelangte der Zug vordem „Eohen" an, doch fanden sie die Thür verschlossen. Es hatte sich folgendes zugetragen. Die Todtengrüber hatten sich bei Zeiten nach dein „Cohen" begeben, um das Grab herzurichten, damit die Versammlung nicht darauf zu warten habe. Der Wärter hatte ihnen bereitwillig aufgeschlossen und sie hatten ihre Arbeit begonnen?, als es jenem einfiel, sie zu fragen, wieviel ihm wohl die Gemeinde für die Beerdigung zahlen würde. Sie antworteten, daß sie dies nicht wüßten, jedoch nicht glaubten, daß er eine Zahlung zu erwarten habe, da der Vali selbst die Beerdigung gestattet habe. Diese Mittheilung regte ihn ans; er sah ein, daß ihm ein kostbarer Fang entschlüpft sei. Er rief seine Söhne herbei und verjagte mit deren Hilfe die Todtengrüber, schloß die Thür und verschwand, was die Inden bei ihrer Ankunft mit Schrecken constatirten. Sie waren empört, da sie nicht einsehen konnten, daß ein einfacher, von ihnen angestellter und bezahlter Wächter ihnen Vorschriften zu machen habe, um so mehr als sie im „Cohen" ganz ans eigenem Grund und Boden waren, wie in einer Synagoge oder sonstiger der Gemeinde gehöriger Besitznng. Sie befanden sich in großer Verlegenheit; es tvurde spät, und sie durften nicht daran denken, den Wächter suchen zu lassen, um mit ihm zu verhandeln; wo hätten sie ihn auch gefunden? Andererseits wurden sie ängstlich, sich in so vorgerückter Stunde in einem so einsamen Ort zu befinden. Endlich wird ein Entschluß gefaßt; zwei Rabbiner begeben sich nach der Stadt zu dem Präsidenten der Mnnicipalität und dem Polizeipräfekten. Ein dritter hält ihre Rückkunft abwartend eine Rede, um die Menge zu beschäftigen. Plötzlich wird gerufen, daß der Eingang zum „Eohen" frei sei. Ein aufgeregter Anwesender hatte die Nmfangsmauer überstiegen und das Schloß erbrochen. Die ungeduldige Menge stürzt sich in den Raum, die Todtengrüber nehmen ihre Arbeit wieder auf, und man glaubte, die Sache sei beendet, als von außen her laute Rufe erschallen. Nahezu 200 Araber unter der Anführung eines höheren Municipalbeamten, namens Abiallah Zeibac, hatten sich auf die armer;, unvertheidigten Juden geworfen. Es regnete Schläge auf die Armen, die sich nach allen Richtungen retteten. Der Zweck der Angreifer war es, zu verhindern, daß die Beisetzung im Innern des „Eohen" stattfinde. Die unreinen lleberreste eines Juden sollten ihrem Ausspruch nach nicht in der Nähe eines Propheten ruhen. Aber alle ihre Anstrengungen, um nach der Stelle, wo das Grabe gegraben wurde, zu gelangen, mißlangen; die Beerdigung wurde zu Ende geführt; viele Juden waren verwundet und geplündert worden; dies alles war unter den Augen der Gendarmen vor sich gegangen, die den Auftrag hatten, das Begräbniß zu schützen! Sie hatten sich bei Seite