Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1890)
- Date
- 1890-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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22 auch in Bezug auf den Grafen Taaffe erleben; auch das erfordert die Gerechtigkeit."; Linz. Die Antisemiten versuchen in dem Ge-! fühle, daß ihre eigene Autorität nicht genügen durfte,! um die naturgemäß für das Gegentheil ihrer Be- I strebungen begeisterte Jugend zu verführen, für sich! zu gewinnen, und auf dem Irrweg, der von den lichten Höhen der Meuschheitsideale ab in den Sumpf i der Gemeinheit und Roheit führt, feftzuhalten, vorj zuspiegeln, daß bedeutende Männer ihren Ansichten I huldigen und dadurch dem Antisemitismus eine gewisse Weihe ertheilen. So haben dieselben in jüngster Zeit die Frechheit gehabt, das Andenken Hamerliugs und Anzengrubers dadurch zu verunglimpfen, daß sie diese ausgesprochenen Gegner ihrer Richtung als ihre Gesinnungsgenossen in Anspruch nahmen. Dieses Bemühen, bedeutende Männer als Protectoren ihrer schlechten Sache aufzusühren, besteht, seitdem die antisemitische Bewegung vor etwa zehn Jahren durch rührige Agitatoren in die Kreise der akademischen Jugend gebracht wurde. In der That sind es nur herausgerissene Stellen aus den Werken dieser Männer, die weit entfernt sind von dem rohen Glaubens- und Nacenhaß, welcher die Antisemiten erfüllt, und von ihnen in die große Menge des Volkes zn verbreiten gesucht wird. Bei den meisten dürfte ebenso ans ihren Schriften und Aeußerungen der Beweis des Gegentheiles antisemitischer Gesinnung zu erbringen sein, abgesehen davon, daß von denen, welche nicht mehr die gegenwärtige antisemitische Bewegung erlebt haben, doch nicht behauptet werden kann, daß sie dieselbe billigen. Machen wir aber einige Stichproben unter den noch Lebenden, und wir werden sehen, daß nur die frechste Anmaßung diese Männer zu Antisemiten stempelt. So sagt Franz von HolzendorfZ: „Der rohe pöbelhafte Antisemitismus der gewaltsamen Jndenhetze, die zu Mißhandlungen, Beschimpfungen, Plünderungen Verleumdungen schreitet, braucht nicht mehr gerichtet zu werden — er ist gerichtet." Pros. Dr. W. H. v. Riehl schreibt uns: Meine Ansicht über den Antisemitismus habe ich in meiner „Familie" deutlich ausgesprochen." Und in dieser 10. Auflage, Seite 232, sagt er ganz entschieden, daß er aus tiefster Seele die Judenhetzerei verabscheue. Welchen Gindruck die antisemitische Bewegung in Deutschland im Auslande macht, spricht der nor- *) Briefe berühmter Zeitgenossen über die Zudensrage. tüien 885. S. 197. wegische Dichter und Kunsthistoriker Lorenz Segelke Dietrichsohn mit folgenden Worten aus: Die Mission, welche ein Theil des deutschen Volkes bei den Judenverfolgungen und dem Antisemitismus übernommen hat, ist weder germanisch, weder sittlich, noch christlich. Sie ist nicht germanisch; denn das besondere Kennzeichen der Germanen war unter den Nationen zu allen Zeiten das, Andersdenkenden und Andersgläubigen offen und frei entgegenzntreten und auf den! geistigen Kampfplatze mit den Waffen des Geistes zu käinpfen. Er ist auch nicht sittlich, dieser Antisemitismus; die Verfolgung des Schwächeren durch den Stärkeren, ausgeübt mit den Waffen, die Nacenhaß und Vornrtheil dem Menschen in die Hände drücken, kann, selbst wenn der Schwächere sich versündigt hätte, nicht vertheidigt werden. Ich bin kein Freund des frechen, verneinenden Tones, welcher einen großen Theil der Literatur durchzieht und den die modernen Juden unserer Zeit geschaffen haben, ich liebe weder Laffnlle noch Heine, weder Laster noch Brandes. Das falsche Geistreichthun und der freche Witz soll durch wahren Geist und gesunden Humor bekämpft werden. In diesem Kampfe werde ich mitthun, aber nicht mit mittelalrericher Roheit, welche ihre infamen, nächtlichen „Hepp-Hepp" Rufe mitten im vollen Tageslichte des 19. Jahrhunderts ruft. Deutschland war stets der Herd des wahren Humanismus, cs war das Land, wo die Humanität Zuflucht und Nahrung fand. Der Antisemitimus hat bei diesem Satze ein schlimmes Fragezeichen gefetzt; nein, siittlich ist er uicht. Und nun zum Schluß: christlich! Das ist er am wenigsten von allem, obwohl er im Namen des Christenthunis auftritt. Nie wurde der Name des Christenthnms ärger verhöhnt als damals, da der Antisemitismus ihm seinen beschmutzten Schild zur Vertheidignng reichte. Das Christenthum will sich nicht von Haß und blindem Vornrtheil vertheidigen lassen. Das wahre Ehristenthnm, die religiöse, die Persönlichkeit ganz durchdringende Liebe, das will keinen Haß, das kann nicht vergessen, daß das Licbesgesetz ihr erstes Gebot ist und daß dieses Gebot von einem — Juden ausging. Es will wohl im Namen der Wahrheit gegen die Unwahrheit kämpfen, aber es kann nie eine ganze Nation, ein ganzes Geschlecht für die Fehler der Einzelnen verantwortlich machen, es kann den Haß gegen das Böse wohl auch in einen Haß gegen die Bösen wandeln, aber nie wird es die Unschuldigen hassen. Ehristlich ist der Antisemitismus am wenigsten von Allem. (Zeitschr. z. Bekämpf, des Antisemitismus.)