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Der Israelit · 1890-01-06 · Heft 2 (6.1.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 2 (6.1.1890)
Date
1890-01-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton. Wallungen. Erzählung von Friedrich R o t t. (Fortsetzung.) Es war bereits in den spätern Nachmittagstunden, als Buchholz bleich und erschöpft in das Eomptoir trat, in dem er seit nahezu vierzig Jahren arbeitete. Versunken in den eigenen trüben Gedanken, gewahrte er nicht, daß auch in dem Geschäftslokal eirie ungewöhnliche Erregung herrschte. Müde ließ er sich vor seinem Pulte nieder und legte erst dann den Hut ab. „Wissen Sie nicht," wandte er sich an einen der jungen Leute, „ob Herr Bärwald drinnen im Zimmer ist?" „Ob Herr Bärwald drinnen im Zimmer ist?" widerholte der Gefragte, „nein, gewiß nicht. — Herr Bärwald ist doch heute Mittag abgercist." „Herr Bärwald abgereisr! — und wohin denn?" „Vermutlich nach A ..., wo Frau Bärwald mit dem Kinde ist. Sie wissen doch, daß der Herr eine Depesche erhalten hat, daß dort Hochwasser ist." Buchholz schüttelte den Kopf. „Davon ist mir nichts, bekannt, ich war seit heute Morgen nicht hier." „Die Depesche ist um halb Elf gekommen und der Herr ist um zwölf Uhr abgereist- Er ist sehr aufgeregt gewesen. Gesehen habe ich die Depesche nicht, aber sie haben gesagt, daß das Haus, in dem Frau Bärwald wohnt, unter Wasser steht. Und Sie wissen doch, die arme Frau kann nicht gut gehen, da ist es doch begreiflich, daß cs den Herrn hier nicht geduldet hat, und daß er Hals über Kopf fort ist. Nach Ihnen hat er wiederholt gefragt, ich glaube, er hätte vor seiner Abreise gern mit Ihnen gesprochen, aber Sic sind nicht da gewesen. Es ist aber nicht unmöglich, daß er Herrn Adolf Verschiedenes gesagt hat, was der junge Herr Ihnen sagen soll." Buchholz erwiderte nichts, aber er erhob sich und begab sich in das anstoßende Arbeitszimmer seines Ehefs. Wie er vermuthet hatte, trat er hier den Sohn des Hauses vor dem Schreibtisch und in dein Fauteuil seines Vaters. „Grüß' Sie Gott, Herr Bnchholz! — wo haben Sie denn den ganzen Tag über gesteckt?" Ter Buchhalter räusperte sich, er schien reden zn wollen, brachte jedoch keinen Laut hervor. „Was ist Ihnen, Herr Bnchholz? — was haben Sie? — wo sind Sie den Tag über gewesen?" „Ich war im Stadtwald bei dem Weiher", versetzte Buchholz tonlos. j „Was haben Sie dort gemacht?" fragte Adolf.! Der alte Mann heftete durchbohrenden Blickes j das Auge auf den Neugierigen. „Steinheim's j Frau hat sich in ihrer Verzweiflung in das Wasser gestürzt — man hat ihre Leiche aus dem Weiher gezogen." Mit weitaufgerissenen Angen starrte der junge Bärwald den Sprechenden an. „Was? — was sagen Sie?" — stammelte er. Buchholz wiederholte seine Mittheilung, erdfahle Blässe überzog das sonst stets geröthete Gesicht des Andern und wie ein Schauer durchzuckte es ihn, aber er fühlte den forschenden Blick des Buchhalters, wenn er demselben auch nicht begegnete, und mit übermächtiger Anstrengung, die eines bessern Zweckes würdig gewesen wäre, zwang er sich, der Regung, die ihn zu überwältigen drohte, sich zu entziehen. „Arme, unglückliche Frau —" sagte er mit erkünstelter Ruhe, „sie war unschuldig, das steht fest." „Und trotz des gegen ihn erlassenen Steckbriefes ist auch Steinheim's L-chuld noch nicht erwiesen", erklärte Bnchholz mit Bestimmtheit. Adolf zuckte die Achseln, er hielt es für besser, über diesen peinlichen Fall sich nicht in Eontroverse j einznlassen. I (?£ entstand eine Pause, doch der junge Mann hatte seine Fassung rasch wiedererlangt. „Sie haben bereits erfahren, daß auch unsere Familie von einem überaus schmerzlichen Unglücksfall getroffen worden ist?" „Ein Unglücksfall in Ihrer Familie?" wiederholte Bnchholz erschreckt, „davon ist mir nichts bekannt, ich habe nur erfahren, daß Herr Bärwald nach einer empfangenen Depesche schleunigst abgereist ist." „N'ach Papas Abreise ist noch eine zweite Depesche eingetroffen. Denken Sie sich, unser armer Kleiner ist bei dem Hochwasser verunglückt. Und gestern noch war Papa so vergnügt, weil Mama geschrieben hatte, daß das Kind so frisch und kräftig wird und daß der Arzt gesagt habe, nächste Woche könne die so lang verschobene Beschneidung vorgenommen werden. Und nun —" „Großer Gott!" rief der Buchhalter erbleichend, „und Frau Bärwald?" „Mama ist gerettet, Gott sei Dank!" Wenn der junge Mann von der zweiten Frau seines Vaters sprach und sie als seine Mama bezeichnete, dann zuckte es jedesmal wie höhnend um seine Lippen; den langjährigen treuen Freund des Hauses hatte es oft empört, doch heute war dieser Hohn nicht bemerkbar: es schien ihm daran gele-

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