Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-12-30 · Heft 102 (30.12.1889) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 102 (30.12.1889)
Date
1889-12-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2448023--29242-2476964
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1766 Cohn-Kattowitz und Dr. K rakauer-Leobschütz. Hinter den Sitzplätzen nahmen die israelitischen Primaner und Sekundaner des Gymnasiums und Realprogymnasiums Aufstellung. Aus den vorderen Reihen der dem Allerhetligsten gegenüberliegenden mittleren Damengallerie saßen Damen der Ehrengäste, sowie die als Ehrengäste geladenen Leiterinnen der beiden höheren Töchterschulen. Auf den vorderen Emporen saßen die israelitischen Schülerinnen der ersten Klassen dieser Anstalt. Die Feier begann mit dem vom köuigl. Musikdirektor Lewandowski-Berlinkomponirten Festgesang »Alau tauvu“ (Chor und Orchester). Hieraus sprach Rabb. Dr. Blumenthal das Weihegebet und zündete mit einem myrthenumkränzten Stabe die „ewige Lampe" au. Der Chor sang Psalm iS, darauf wurde unter Gesang des Cantors Rosenthal und des Chors die heilige Lade geöffnet; wunderbar reflektirte das von oben auf die Silberkronen fallende rothe Licht. Unter Vorantritt des Kantors erfolgte dann der Umzug mit den Thorarollen, der Cantor, Rabbiner Dr. Blumenth al und die auswärtigen Rabbiner je eine Rolle. Der Chor sang während des Umzuges Psalm 24, Vers 7—10. Nach Beendigung des Umzuges wurden die Thorarollen in die heilige Lade wieder eingelegt und Herr Rabbiner Dr. Blumenthal hielt die dreiviertelstündige Weiherede, welche einen tiefergreifenden ungewöhnlichen Eindruck machte. Der Text der Rede lautete: „Wie ehrfurchtsgebietend ist doch dieser Ort! Gewiß, das kann nur ein Gotteshaus sein, und hier sind die Pforten zum Himmel!" Der Schluß derselben lautete noch dem Berichte des „Oberschlesischen Anzeigers: „An welchem Tage wurde die Errichtung der Stiftshütte anbefohlen? — so fragt der Talmud, und die Antwort lautet: „Am Versöh nun g Stag e!" Gegensätze zu mildern, Kluften zu überbrücken uud die Menschen mit einander zu versöhnen — das ist die letzte und bedeutsamste Aufgabe jedes HeiligthumeS. Lasset uns daher an dieser Stätte die große Wahrheit bekennen und beherzigen, daß alles, was Menschenantlitz trägt auf Erden, im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, und diese Wahrheit wollen wir als ein heilig Gut festhalten für uns, für Kinder und Kindeskinder bis an das Ende der Zeiten! Vergessen wir nimmer den ergreifenden Scheide.gruß des prophetischen Geistes: „Haben wir nicht alle einen Vater Hat ein Gott uns nicht alle geschaffen?" Nimmt nicht die Erde einst unser aller Körper auf, empfängt nicht der Himmel einst unser aller Geist? Haben wir nicht alle das gleiche Auge zu weinen, dasselbe Herz zu brechen? M. And! Lasset uns den Werth des Menschen nach seinem sittlichen Gehalte messen, nicht nach den Formen, in denen er zu dem ewigen Gotte betet! Lasset uns zusammentreten, ein jeder treu bei seiner Fahne, zu einem großen Friedensbunde, der für das Recht, der für die Liebe, der für die Wahrheit, der für die höchsten Menschengüter und Menschentugenden ringen darf! Gleichwie die Farben des Regenbogens, eine jede verschieden, gleichwohl friedlich neben einanderstrahlen und vereint in herrlicher Versöhnung die goldene Brücke zwischen Himmel und Erde bilden, so mögen auch die verschiedenen Religionen in Frieden nebeneinander leuchten und dem gemeinsamen Ziele sittlicher Menschenvollendung entgegenstreben, bis daß es einst dem Herrn gefällt, jene messianische Ferne nahen zu lassen, das nach prophetischer Schau der König den Oelzweig ewigen Friedens um die Stirne windet, da der Krieger seine Schwerter zu Rebenmessern schmiedet, und ein dauernd Glück in den Hütten der Sterblichen weilet. Am Versöhnungstage kam der Befehl, das Heiligthum zu errichten, und so wollen auch wir an dieser Stätte die große Versöhnung der Gegensätze feiern! Dann wird diese Weihestunde die weihevollste Eures Lebens sein, dann werdet Ihr nicht leer erscheinen vor dem Antlitze des Herrn, und nahet Ihr diesem Tempel, dann rufet Ihr gewiß: „Das kaun nur ein Haus des Ewigen sein, und hier ist der Eingang zttm Himmels" Die Rede dürfte auf vielfachen Wunsch als Denkblatt vom Festcomitö in Brochürenform weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden.*) Mit Recht konnten der Prinz v. Ratibor und der Landrath dem Festcomits gegenüber es aussprechen, daß diese Einweihungsfeier eine der schönsten und würdigsten gewesen sei, welche sie je in ihrem Leben mitbegangen hätten. Der hiesige conserbative „Oberschlesische Anzeiger" schließt seinen Bericht mit den Worten: „Majestätisch erhebt sich der Bau vor unseren Augen, eine Zierde der Stadt. Wenige Orte nur mag es im weilen Reiche geben, die eines so prächtigen Tempels sich rühmen, wenige Gemeinden nur, die in einem so würdigen Gotteshaus der Andacht sich hingeben können. Herrlich ist sein Aeußeres, in edlem Schmucke prangt das Innere. Wahrlich, die Gemeinde hat ein Recht, sich ihres Wallfahrtsortes zu freuen, und wir Alle, die wir anderen Glaubens sind, dürfen uns dessen freuen, daß dieser Prachtbau unsere Heimath schmückt! Und fürwahr, kein geeigneterer Tag konnte für den feierlichen Akt der Weihe gewählt werden, als dieser — der Tag des Festes der Tempelweihe. Schön und erhebend war die Feier, die wohl das wichtigste Ereigniß in der Geschichte der Gemeinde bildet und für eine lange Zukunft bilden wird. Und sie zeigte zugleich, daß, ob auch die Bewohuer Ratibors ihrem Bekenutniß uach geschieden sind, doch Alle ein festes Band der Eintracht umfaßt. Kein liebloser Dünkel herrscht unter uns. Jeder treu bei seiner Fahne, bilden die Bewohner Ratibor's einen Friedensbund, und so möge e8 nach dem Wunsche des Weiheredners auch fürderhin bleiben!" Amerika. New-Aork. Einer der größten Wohlthätigkeitsbazare wurde am 9. d. M. dahier zu Gunsten eines Centralgebäudes für die jüdischen Wohlthätigkeitsgesellschasten abgehalten. 125,000 Dollars wurden dabei für diesen Zweck erzielt. Der Mayor der Stadt hat den Bazar eröffnet. *) Anm. der Red.: Die Rede ist bei Wilhelm Jacobson in Breslau Preis 30 Pf.) erschienen. Der Ertrag fällt einem wohlthatigen Zwecke zu.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.