Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 102 (30.12.1889)
- Date
- 1889-12-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1767 Wallungen. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Buchholz murmelte einige grüßende Worte und verließ hastigen Schrittes das Zimmer und das Geschäfts lokal. Trotz alledem, was er vernommen hatte, vermochte er noch immer nicht an die Schuld desjenigen zu glauben, den er zwanzig Jahre hindurch als treu und redlich gekannt hatte. Freilich war derselbe nun verschwunden und mit ihm der nicht unbeträchtliche Inhalt der Kasse, zu der er den Schlüssel hatte, freilich hatte der junge Bärwald ihn als Spieler bezeichnet und zwar als in jüngster Zeit unglücklichen Spieler — und hiedurch wäre allerdings die sonst unerklärliche Malversation motivirt — und dennoch, Buchholz vermochte nicht daran glauben, nach den neuesten Mittheilungen seines Chefs womöglich noch weniger als zuvor. Aber wenn er hätte sagen sollen, was er dachte. — Ab-r nein, nein, eine derartige Beschuldigung — da" grenzte an Wahnsinn, keine menschliche Seele fort f ahnen, was ihm da plötzlich durch den Kopf geflogen war. Seine Phantasie war übermäßig erregt/ das war die natürliche Folge seines unsägliche/ Mitleids mit seinem verschwundenen Freunde und ^ssen unglücklicher Gattin. — Wenn es ihm nur gelingen würde, ihr Muth zuzusprechen, ihre Hoffnung wach zu halten, daß die Unschuld ihres Gatten bald sich Herausstellen müsse. — Eilends durchschritt er die Straßen, die zu der Wohnung seines Freundes führten; es war ein weiter Weg, denn das Häuschen, das das Ehepaar Steinheim bisher bewohnt hatte, im Cottage-Styl erbaut, lag vor der Stadt. Je weiter Buchholz schritt, destomehr steigerte sich seine Unruhe und seine Ungeduld. Frau Steinheim war bereits gestern der Art über alle Maßen aufgeregt gewesen, daß eine Steigerung ihrer Aufregung kaum denkbar, und dennoch hatte sie gestern mit Zuversicht gehofft, daß eine Anzeige gegen ihren Gatten unterbleiben werde. Hielt sie sich doch von seiner Unschuld überzeugt und war nicht im Stande zu begreifen, daß Andere daran zweifeln konnten. Doch wenn nun heute der gegen Steinheim erlassene Steckbrief ihr unter die Augen kommen würde — Buchholz, als er sich foese Möglichkeit vergegenwärtigte, hatte das Gefühl als ob jedes einzelne Haar auf seinem Haupte sich stramm emporrichten würde. — Hastiger noch eilte er weiter, während er im Gehen die schweißbedeckte Stirn trocknete. Endlich hatte er das Ende der Stadt erreicht und erblickte nun von Weitem das einfache, freundliche Häuschen, dessen Fronte mit Weinranken dicht bewachsen war. Wie erleichtert athmete der alte Mann auf, als wäre ihm die Ruhe, die rings um das Häuschen herrschte, eine Bürgschaft für die Ruhe seiner Inwohner. Er stand nun vor der Schwelle des Hauses, die Thür war spannweit offen. Das war nicht gewöhnlich, doch es beunruhigte ihn nicht, vielleicht war die Magd im Gärtchen oder — doch wozu lange überlegen, Frau Steinheim würde ihm die offenftehende Thür erklären und er wird sie aufmerksam machen, daß es in dieser stillen Gegend nicht rathsam ist, die Hausthüre offen zu lassen, wenn sie allein mit der alten Dienerin ist. Mit diesen Gedanken überschritt er die Schwelle des Hauses und wandte sich links gegen die Thüre des Wohnzimmers, an die er klopfte. Aber er vernahm nicht die freundliche Aufforderung, einzutreten, die sein Klopfen sonst beantwortete. — Er klopfte zweimal, dreimal an die Thüre — alles blieb still. — Zögernd drückte er auf die Klinke — die Thür sprang aus, er blickte in das Zimmer — aber das Zimmer war leer. Er schloß die Thür wieder, ging einige Schritte weiter und wandte sich dann recdts gegen die Küchenthür, die er ohne weiteres öffnete. „Guten Morgen, Kati, was macht die gnädige Frau?" „Ach, grüß' Sie Gott, Herr Buchholz," rief die alte Köchin, sich umwendend, „ach, das ist schön von Ihnen. Die ganze Zeit habe ich an Sie gedacht, ob Sie denn nicht kommen werden, sich nach der Gnädigen umschauen." Buchholz wiederholte seine Frage. „Was macht die gnädige Frau?" „Was sie macht? — ach, Du lieber Gott! — was soll sie machen? — Weinen, nichts als weinen, sage ich Ihnen. — Wenn das der' Herr sehen würde! — Die ganze Nacht ist sie nicht zu Bett gewesen, beständig ist sie in dem Zimmer umhergelaufen und hat geächzt — einen Stein hätte es erbarmen müssen. — Und nichts will sie essen, gar nichts — nichts essen und nichts trinken, ich kann sie bitten so viel ich will. — Jetzt eben habe ich