Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 100-101 (24.12.1889)
- Date
- 1889-12-24
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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47 Besuch einiger Schulen der Allgemeinen Israelit. Allianz (Alliance Israälite Universelle) im Marokko und Kleinasien. Von H. Joest in Berlin. (V. Fortsetzung.*) Wohl steht den Juden in Marokko ein Weg offen, sich den Bedrückungen und Misshandlungen, denen sie ausgesetzt sind, zu entziehen, indem sie nämlich versuchen, Schutzbefohlene irgend eines christlichen Staates zu werden Diese „Protectionen“ bestehen seit den Verträgen von 1767, 1864 und 1880, und ihr Zweck ist, Unterthanen des Sultans, die in irgend einer Beziehung zu den in Marokko lebenden Europäern stehen, also z. B. Consulatsbediente, Dolmetscher, Kawassen, dann auch einheimische Agenten für die Kaufleute, Makler, „Sensale“, wie man sie nennt, der marokkanischen Gerichtsbarkeit, also der willkürlichen Expressung oder dergleichen zu entziehen. Dieses Schutzsystem hat zu vielen Unzuträglichkeiten Anlass gegeben, auf welche aber hier nicht weiter eingegangen werden kann. Was den Nutzen desselben für die Juden betrifft, so kommt dieser nur für die reichen Juden, zumal in den Hafenplätzen in Betracht, die sich durch irgend welche Mittel die Gunst des Consuls eines europäischen Gross- oder Kleinstaates oder, last not least1 die des amerikanischen Consuls erwerben und sich dadurch der Willkür der Marokkaner entziehen können. Der misshandelte und geschundene Jude im Inneren aber hat von diesem Schutzsystem keinen Vortheil. Gerade er ist es denn auch, dem die Israelitische Allianz in ihren Schulen die rettende und erlösende Hand reicht. Bevor wir aber über diese Schulen im Allgemeinen einige Worte bemerken, möge es gestattet sein, hier kurz unsere persönlichen Erlebnisse beim Besuche einer derselben in T e t uan zu schildern. In Begleitung des spanischen Viceconsuls und des Militär-Attachös begaben wir uns nach der, natürlich in der „Melloh“ gelegenen Schule. Da unser Besuch erwartet wurde, so empfing uns an der Schwelle des Gebäudes der Director, ein in Smyrna geborener, äusserst liebenswürdiger und gebildeter Herr, der wie die sämmtlichen Directoren und höheren Lehrer und Lehrerinnen der 47 Knaben- und Mädchenschulen der Allianz mit heute 5600 Schülern und 2500 Schülerinnen an 24 Plätzen von Nordafrika, sowie der asiatischen und europäischen Türkei *) S. Nr. 328. seine Ausbildung in Paris, dem Sitze der Gesellschaft, genossen hatte. Die Zahl der Schüler betrug 320 männliche und 170 weibliche im Alter von vielleicht 7—17 Jahren, die sich auf je 6 Klassen vertheilten, bei einer Bevölkerung von 6000 Israeliten eine recht erfreuliche Anzahl. Die Lehrer enthalten sich aller und jeder religiösen Propaganda, darum lassen hier in Tetuan auch vielfach Christen, zumal Spanier ihre Kinder die Schule der Allianz besuchen. Die Unterrichtsstunden duuern 10 Monate im Jahre von 8 bis 12 Uhr. Die Unterrichtssprache ist in den untersten Klassen Spanisch, die Muttersprache der Sephardim; in den oberen ausschliesslich Französisch. Der Director führte uns sofort in seine unterste Klasse, und die Inspection begann. Die Schreibhefte wurden vorgelegt, Abschnitte aus den Lesebüchern verlesen und erklärt; in den höheren Klassen wurden Rechenaufgaben an der Tafel gelöst; Hebräisch in Spanisch und Französisch oder umgekehrt übersetzt; Geographie, Geschichte, etwas Naturwissenschaft behandelt, und zum Schlüsse sagte der Director: „Wenn die Herren selbst prüfen wollen, so stellen Sie, bitte, jede beliebende Frage.“ Consul Graf Lacy verlieh in seiner Antwort unserer Aller Eindruck die richtigen Worte: „Was sollen wir für Fragen stellen — die Jungen wissen ja viel mehr als wir selbst!“ Wir waren nämlich einfach sprachlos vor Ueberraschung: da sassen die oft kränklich aussehenden, schlecht genährten Knaben und rechneten mit gemeinen und Decimalbrüchen wie deutsche Secundaner; sie beschrieben aus dem Gedächtnisse die Geographie Afrikas oder Italiens, das Flussgebiet des Nil'» oder der Donau besser, als es ein deutscher Gymnasial-Abiturient zu thun im Stande wäre, und sie rasselten die Namen der Scherife oder derChalifen mit ihren Ummejaden, Almohaden und Almoraviden herunter, dass es eine Freude war. Dabei muss man nie vergessen, dass diese Schulen durchaus keine Gymnasien sind, sondern ganz niedere Elementarschulen und dass weit über die Hälfte der Schüler keinen Deut Schulgeld zahlt, sondern aus reinem Eifer und Ehrgeiz sich diese Kenntnisse erwirbt. Allerdings besteht ein grosser