Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-12-24 · Heft 100-101 (24.12.1889) · page 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 100-101 (24.12.1889)
Date
1889-12-24
Page
– (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2448022--29235-2476956
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

48 Theil ihres Wissens in auswendig gelernten Redensarten, Daten, Formeln u. s. w., und wohl nicht immer werden die Schüler das Eingetrichterte verstehen, aber sie lernen doch ihr Gedächtnis stärken, und wenn sie später im Leben plötzlich einmal in die Lage kommen, sich bei irgend einem Gegenstände oder einer Gelegenheit des Auswendiggelernten wieder zu erinnern, so sind sie auch im Stande das Erlernte praktisch zu verwerthen. Sie lernen dann schon denken und abstrahiren. Waren wir nun in der Knabenschule schon überrascht, so kannte unser Staunen in der Mädchenschule, wo wir von einer äusserst intelligenten und gewandten Dame, Fräulein Lehar, empfangen wurden, keine Grenzen mehr. Da drängte sich ein kleines Mädchen vor, das mit der Nase nicht bis zur Höhe des Pults reichte, und ruhte nicht eher, bis es auf die Bank gestellt wurde, um uns eine Lafontaine^ che Fabel vorzutragen, was sie unter allerhand angelernten Bewegungen mit höchst komischem Ernste that. Wie erröthete das Kind vor Stolz und Freude, als wir ihm lauten Beifall spendeten! In den höheren Klassen sass der hübsche Backfisch neben der noch hübscheren erblühenden Jungfrau; auch sie zeigten uns ohne Verlegenheit ihre Hefte, wir lobten die Damen mit guten Censuren und machten ganz bedenkliche Gesichter, wenn mir einmal ein „mittelmässig“ entdeckten; wir Hessen sie 3/4 mit 5/g multiplieiren; ich ersuchte dieselben, mir Cochiuchina, Cambodja und Annam auf die Tafel zu malen — Alles stimmte! Als aber Fräulein Behar ihre Schülerinnen eine Blume nach allen Regeln der Botanik zerlegen und erklären liess; als uns hier in T e t u an eines jüdischen Bettlers hübsches Töchterlein in ganz gutem Französisch auseinandersetzte, dass wir Sterbliche Sauerstoff ein- und Kohlensäure ausathmen, und dass die Bäume diese Kohlensäure zu Kohlenstoff und Chlorophyll verarbeiteten, um dafür Ozon auszuströmen, und als gar die Vorsteherin fragte: „Mesdemoiselles! Welche Rolle spielen die Zähne, der Speichel und der Magen bei der Verdauung?“ da riefen wir wie aus einem Munde: „Por la graeia de dios, hören Sie auf! Wir kommen uns ja so furchtbar ungebildet vor!“ — Nachdem wir den Leitern der Schule unseren Dank ausgesprochen und sie zu ihren Erfolgen beglückwünscht hatten, theilten dieselben uns manch7 Wissenswerthes aus ihren Erfahrungen mit. Vor Allem ist es die Trägheit, Gleichgiltigkeit, aber auch das Misstrauen und der böse Wille der Eltern der Schüler, gegen welche die Vertreter der Allianz zu kämpfen haben. Die Kinder sind fleissig und eifrig genug, aber die Alten wollen den Nutzen der Schule nicht immer einsehen. Und dennoch erfüllen zumal die Mädchenschulen eine ausserordentlich hohe und edle Kulturaufgabe. Das jüdische Mädchen in Marokko wurde bisher gerade so, oder vielmehr eben so wenig erzogen wie die Mohammedanerin. Es lernte einfaeh gar nichts, höchstens etwas hebräisch (bezw. arabisch) lesen, kaum verstehen; es wuchs in Armuth und Unwissenheit auf, lernte vielleicht etwas Kochen und Nähen, wurde mit 12 Jahren an einen ihr ganz fremden Menschen verheirathet und vegetirte dann, mehr Sklavin wie Gattin ihres Mannes, in der Geistesnacht und dumpfen Luft der „Mellah“ weiter bis zu ihrem Tode In diese Zustände hat die Allianz eine Bresche gelegt. (Fortsetz, folgt.) Notiz. Zinsen bei den Mohammedanern. Den Mohammedanern erlaubt ihre Religion nicht, goldene und silberne Uhren zu tragen; die Gesetzesgelehrten jedoch erklärten, man dürfte solche Uhren tragen, wenn man die Absicht habe, sie zu verkaufen. Der Islam verbietet auch, Zinsen zu nehmen; die Mohammedaner haben aber doch ein Mittel gefunden, nicht bloss Zinsen zu nehmen, sondern Wucher zu treiben. Der Gläubiger verkauft nämlichdem Schuldner seinen Mantel oder sonst etwas um den Betrag, welchen der Zins ausmacht; darauf schenkt der Schuldner dem Gläubiger den Mantel wieder, bezahlt aber doch den festgesetzten Betrag. JErhält z. B. der Schuldner ioo M., so verkauft ihm der Gläubiger seinen Maneel um io, 20 oder 30 M., und der Schuldner hat nach Stblauf des Termins 110—130 M. zu bezahlen. Früher war es gesetzlich erlaubt, 12/ioo Zinsen zu nehmeu, jetzt aber gestattet das Gesetz nur 8/,oo fro Jahr', unter 10/100 jedoch bekommt man im Orient kein Geld, ln Gaza betrachtet man jene Kapitalisten noch als grossmüthig, welche nur 2o/100 jährlich Zins nehmen; ich wurde auch einmal das Opfer eines dieser Grossmüthigen und musste für 1000 Francs 200 Fr an cs Zinsen zahlen. Gewöhlich verlangen die Gazenser Wucherer 25—50 °/0i manchmal nur für sechs bis acht Monate, einerlei ob Christen oder Türken. Leute, die in der Koth sind, namentlich Fellachen, müssen oft froh sein, wenn sie überhaupt noch Geld bekommen. Diese Zustände lassen sich ein Mal unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht ändern; in Folge dessen verarmen Viele und der Reichthum ßiesst in die Kassen herzloser Wueherer und gewissenloser Beamten. („Das heil. Land“.) (Oscar Lehmann) Mainz. Druck der Joh. Wirth’schen Hofbnohdrnckerei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.