Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 100-101 (24.12.1889)
- Date
- 1889-12-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1740 bringen, die wir den Religionsunterricht Pflegen, die wir mehr Gewicht ans die ethische und moralische Seite, als aus die Formen der Religion legen, glauben Sie, daß wir darum auch die biblischen und die nachbiblischen Gesetze und Vorschriften so mir nichts, dir nichts abschaffen werden? Ja, wodurch unterscheiden Sie sich von Ihrem orthodoxen Amtsbruder, dem hiesigen Ortsrabbiner? Auch er verlangt Festhalten der sittlichen, moralischen und zeremoniellen Vorschriften des Judenthums — auch er hat gar manches, was von vielen Leuten als wichtig und wesentlich gemeint wird (wie das Verbot, Fenster zuzumauern) als unwichtig und einiges (wie kabbalistische Amulette u. dgl.) sogar als unreligiös bezeichnet!? Nun wohl, meinte der Rabbiner — die theologischen Meinungsverschiedenheiten — das gebe ich Ihnen gerne zu — sind von der Art welche bas Publikum kaum ahnt, viel weniger bekümmert. Und die Praxis betreffend, dürften es wirklich mehr Unterschiede des Temperaments, der ästhetischen und Geschmacksrichtung, als religiöse Ansichten sein, die uns trennen! Ob man pietätvoller das Bestehende erhält, oder es für wesentlicher hält, dem Gefühle der Jetztlebenden gerecht zu werden — vielleicht auch, wo man die Grenze zieht zwischen den zu Kraft bestehenden und den nicht mehr verpflichtenden Verordnungen — das ist für das Leben, für die Gemeinde alles! Und darum, sprachen die Herren, Orthodoxe wie Neumodische, und darum Räuber und Mörder? Darum solcher Streit und Haß, soviel Anfeindung und Bekämpfung? Freilich sind die Unterschiede in der Praxis schroffer! Aber sind sie denn ärger, als sie zwischen den Schulen Hillels und Schammais lange Zeit hindurch und nicht als graue Theorie bestanden haben? — Warum nur solche Zwietracht und Befehdung! Wtr? Sollte mau nicht auch in unseren Tagen dahin kommen können, zu erkennen und zu erklären : „Dieses ist Gottes Wort und jenes nicht minder", obschon die Einen verbieten, was die Anderen erlauben!? Nicht an einer Stelle nur erklärt der Talmud dieses für das Rechte. — Oesters läßt er Gott es aussprechen: „Die beiden Gegner verkünden trotz aller Widersprüche und Gegensätze gemeinschaftlich Gottes Wort,!" Also diese Thorheit wagt die neue „israelitische Zeitung" ihren Lesern aufzutischen, wider besseres Wissen, denn dem Schreiber jener Zeilen mußte es bekannt sein, daß unser Heimgegangener ayb*, Rabbiner Hirsch die Legende, als ob die Meinungs-Verschiedenheit der Schulen Hillel's und Schammai's auch nur im Geringsten Beziehungen zur Jetztzeit hat, gründlich und für jeden Wahrheitsliebenden endgültig zerstört hat. Bestand etwa zwischen Hillel uud Schammai eine prinzipielle Differenz? Nein, sie standen beide auf dem geweihten Boden uuseres heiligen Religionsgesetzes. Können das auch die Rabbiner der „neuen Richtung", die der Rabbiner der „Mittelpartei", zu deren Organ sich die „Israel. Zeitung" macht, behaupten? Sie schaffen allerdings die religiösen Satzungen nicht „mir nichts dir nichts" ab, wohl aber paktiren sie mit der Zerstörungswuth der Reform, nur vor ihrem Zurückweichen fällt dp tj/t, qv ■vyi, hier ein wenig, dort ein wenig, hier ein kleines, dort ein großes Stück von unfern heiligen Geboten und wenn man zusammenzählt, was die Rabbiner „der neueren Richtung" schon alles „erlaubt" haben, so . wird von dem ganzen jüdischen Ritual nicht viel! übrig bleiben. Und solche wagen sich auf Raschi! und Rabbenu Tam und ihre Verschiedenheit in der Ordnung der Tefillin zu berufen! Wohl, diese Verschiedenheit ist allerdings, wie so manche andere, vorhanden, aber Raschi und Rabbenu Tam und alle andere Gesetzeslehrer stehen nicht an, den, der keine Tephillin legt, einen Mw zu nennen; welcher Rabbiner der „neuen Richtung wird den Muth haben, diese Erklärung zu unterstützen? Nein, wenn doch schon die „neuere Richtung" für ihren Kampf mit dem orthodoxen, dem gesetzestreuen Judenthum nach einer Analogie im Alterthum sich umschaut, so liegt ein anderer Vergleich viel näher, an welchen uns die nahenden Tage des Chanuka-Festes erinnern; der Vergleich zwischen den Hellenisten und den Makkabäern. Auch damals gab es viele, die dem „Geschmacke" uni) der Richtung der Zeit meinten Rechnung tragen zu müssen, die die vermeintlichen Anforderungen des Zeitgeistes höher als die Gebote der Religion stellten. Und ihnen gegenüber stand das kleine Häuflein der Makkabäer, die mit dem Muth göttlicher Begeisterung treu zu dem Gottesgesetze hielten. Und Gott gab den Sieg in die Hand der Schwachen. Der Zeitgeist ändert sich wiederholt, das Griechenthum verfiel; nur das Judenthum besteht und blüht noch, und wird weiterbeftehen und blühen trotz des Kampfes von außen und der noch viel gefährlicheren Spaltungen und der verderblichen Einflüsse der „neuen Richtung" nach innen. Einer der jüngsten Wochenabschnitte berichtete von dem Kampfe Esaus mit Jacob. Unter den verschiedensten Gestalten, sagen sinnreich unsere Weisen, kämpft Esau, bald als ein Heide, bald als ein Gelehrter u. s. w. Dies aus dem vorliegenden Fall angewendet, möchte ich sagen, Esau in der Form der radikalen zerftörungswüthigen Reform hat seine Rolle ausgespielt, jetzt tritt er in einer harmloseren Gestalt auf und behauptet „auch" auf Gottes Wort zu beruhen. Unsere Leser sind gewarnt, sie wissen, was sie von dieser „Israel. Zeitung" zu halten haben. Aus Mannheim wird uns geschrieben: Wenn bei den Antisemiten ein mene tekel etwas gelten würde, so hätten sie an dem soeben in Mannheim zum Austrage gelangten Alimentationsprozeß Böckel ziemlich genug. Herr Abgeordneter Böckel hat ein armes Dienstmädchen verführt, welches ihm drei außereheliche Kinder gebar. Zwei starben vorzeitig; das dritte ist ein jetzt ungefähr vier Jahre alter Knabe, der bei seiner Mutter, Eva Hilckert, in Sulzbach bei Mannheim lebt. Herr Böckel wurde