Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 100-101 (24.12.1889)
- Date
- 1889-12-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1738 Bestimmungen unter dem Gesichtspunkte ausmerksam zu prüfen, ob durch dieselben eine würdigere, äußere Form des Gottesdienstes oder eine gehobenere Andacht erhielt werden kann. Wir sehen dabei von solchen Anordnungen ab, die anscheinend in öer That lokalen Ungehörigsten au steuern angemessen sind. So z. B., daß jegliche Unterhaltung während des Gottesdienstes streng untersagt ist, daß das Verlassen der Synagoge vor dem Schluß-Kaddisch möglichst vermieden werden soll, daß man nur reine und nicht zerrissene Taleßim in der Synagoge benutzen soll u. dgl. m. Es ist wohl anzunehmen, daß in Beuthen dergleichen Ungehörigkeiten öfters in die Erscheinung zu treten pflegten, denn sonst hatte man es sicherlich nicht für nothwendig erachtet, dagegen jetzt Verbote zu erlaffen. Wenn durch diese selbstverständlichen Vorschriften einem örtlichen Uebel abgeholfen werden sollte, so haben hierin die Gemeindeorgane allerdings einen löblichen Pflichteifer gezeigt. In welchem inneren Zusammenhänge aber die ausgesprochene Absicht zu dem angewendetcn Mittel bei Anordnungen wie: „Der Vers »in ro$> wird nur zu Anfang, vor ’-mynn und nach dVbq vorgetragen", Pause und Wendung bei w: fallen weg", „vp^id nos fällt weg", „piw Dip' wird fortgelaffen", „der »rp psn (vor Verkündigung des n"i) wird nur vom Cantor rezitirt", „mn?pn mvv fällt weg", „die 'vn % nn und r6np werden nicht gesagt", „das mos j»x» fällt aus", an Stelle des niinptf wir vom Rabbiner ein die Bedeutung des zu verlesenden Thora-Abschnittes hcrvorzuhebendes deutsches Gebet verrichtet", sowie die Streichung des allergrößten Lheils der v'vrv und mrp u. s. w." stehen kann, ist absolut unerfindlich. Weder die äußere Form des Gottesdienstes kann an Würde gewinnen, noch die „Andacht im Innern" irgendwie erhöht werden, wenn fortan in der Gcmeindesynagoge zu Beuthen nicht nach jeder Strophe des Lccho-Dodi der Refrain wiederholt wnd, wenn man kein v"s, s"', Dpi 's. kein nimpK und d"» sagt, wenn das Gebet 'i w lediglich von dem Cantor gebetet wird, wenn die Festliturgie auf ein Minimum beschränkt wird. Es kann vielmehr mit Fug und Recht behauptet werden, daß der Gottesdienst an Würde der äußeren Erscheinung einbüßt und demselben sehr wesentliche Mittel zur Erweckung der Andacht durch diese Neuerungen entzogen werden. Es entspricht z. B. durchaus der Würde des Gottesdienstes, wenn am Schluffe des Eingang- Gesanges am Freitag Abend die ganze Gemeinde sich erhebt und nach alter sinniger Weise sich der Pforte des Gotteshauses zuwendet, um die in dem Liede besungene Sabbatbraut zu empfangen, den Sabbat, der im Liede verherrlicht worden, als die Israel angetraute freundliche Genossin, derdie Gpmeinde entgegcnjubelt: Frieden, Du, deines Gatten herrlichste^^^ Freude und Jubel, in die Mitte der G^^W hochbegnadeten Volkskrciscs — sei Braut, sei willkommen, o Braut!" nnd^^> einziehenden Sabbat das Haupt neigt, — 1H damit dem durch das Lied angeregten GedanW .höchst weihevoller Ausdruck gegeben. Es H keineswegs von dem feinen Verständniß der weisen Herren zu Beuthen, wenn sie in der Abrogirung dieser imposanten Kundgebung seitens der versammelten Gemeinde zu Ehren des Sabbat eine würdigere Gestaltung des Gottesdienstes und eine Förderung der Andacht erblickt haben. Wir haben mit Vorbedacht eine an sich vielleicht minder wichtige und anscheinend nicht tief einschneidende Bestimmung dieser Neuordnung des Gottesdienstes hervorgehoben, weil sich selbst hierin die Unfähigkeit der Autoren dieser Synagogenorduung zur Beurtheilung dessen, was für den Gottesdienst angemessen sei, unzweideutig kundgibt, weil sich selbst hier der Mangel an Verständniß für den Inhalt unserer alten Liturgie klar zeigt und die ungeschickte Hand deutlich erkennbar ist, welche das Hciligthum im kindischen Wahn zu einer herrlichen Gestaltung zu bringen vermeint, aber nur zu zerstören vermag. So greift auch das Kind nach dem Kunstwerk, um es in seiner Einfalt zu verbessern. Es hat keine Ahnung von dem Gedanken des Meisters, der in demselben zur Verwirklichung gelangt. Es legt den kleinen Maßstab seines unentwickelten Verstandes an des Meisters Werk, welches zu groß ist, um von ihm erfaßt zu werden, um daran seinen kindlichen Thatendrang zu befriedigen. Thörichtes Kind, das sich an der Vorstellung weidet, einekgroße That vollbracht zu haben, wenn es auf die Trümmer des von ihm zerstörten Kunstwerks hindeutet und in lächerlicher Großmannssucht ausruft: seht, das habe ich gekonnt! Unsere Alten waren selbst im Kleinen groß, ihre Epigonen erscheinen aber selbst im Kleinen winzig klein. In der alten herkömmlichen Weise des Sabbat-Willkommen-Grußes spricht sich ein denken' der Geist, ein feines Verständniß des dichterischen Gedankens, eine sinnige Huldigung aus. Der kindlich unentwickelte Geist der Jungen vermag nicht in die Tiefe dieses anscheinend geringfügigen religiösen Brauchs hinabzufteigen., cs dünkt ihm die Erhebung der gcsammten gottesdienstlichen Versamm-