Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 99 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1723 religiösen und bildenden Geistes gezeigt und bewährt. Mögen die Freunde unserer Bestrebungen die Versicherung entgegennehmen, daß wir der Größe unserer Aufgabe uns doll und ganz bewußt sind und fortdauernd bestrebt sein werden, die uns anvertraute Saat mit warmer Fürsorge zu hegen und einer warmen Reife entgegenzuführen. In dankbarer Anerkennung des bisher gefundenen bereitwilligen Entgegenkommens bitten wir unsere Gönner inftändigst, in ihrer Unterstützungsbcrcitschaft nicht zu erlahmen und den erquickenden Strahl ihrer menschenfreundlichen Gesinnung auch ferner auf dieses edle Unternehmen fallen zu lassen. Von je hat die Unterstützung der der Lehre und Bildung beflissenen Jünger einen hervorragenden Zweig jüdischer Wohlthätigkeit gebildet. Das Bild jener Gemeinden, in welchen nach Hunderten lerubeflissene Jünger sich befanden, um deren Erhaltung auch gering Bemittelte besorgt waren, wird bei Vielen noch in lebhafter Erinnerung sein — jetzt liegt in der Unterstützung von Seminarien und Präparandien allein noch die Möglichkeit, die durch Auflösung jener sogenannten Jeschiwot entstandene Lücke in Ausübung der Wohlthätigkeit zu ersetzen. Möchte es darum ein Jeder als Ehrenpflicht erkennen, hierin nach Kräften mitzuwirken! Indem wir aber, mit Beziehung aufj die Unterstützungsberechtigung, den Vergleich der Seminarien und Präparandien mit den Ehemals bestandenen Jeschiwot ausgesprochen, können wir es nicht unterlassen, die unschöne Gesinnung zu beklagen, mit der Eltern heutzutage, im Gegensätze zu früher ihre Kinder einem solchen Institute zuführen, und welche sie durch ihr Thun und Gebühren äußern. Daß das Lernen nicht mehr .als Selbstzweck angesehen wird, daß man selbst die Heilquellen religiöser Belehrung nicht mehr oufsucht um des in diesem Unterrichte liegenden Nutzens wegen, sondern um des Gewinnes und Nutzen willen, der außer denselben liegt — das ist eine Thatsache, die jeder Freund von Bildung und Erziehung tief beklagen muß. Man mißverstehe uns nicht. Wir erkennen die strenge Verpflichtung der Eltern, für das einstige materielle Fortkommen ihrer Kinder zu sorgen, wohl an; allein gebietet etwa die Sorge, daß man sie auch den Kindern als das einzige Ziel ihres Bemühens hinstellt und so — bewußt oder unbewußt — sie dem erziehlichen Einflüsse des Unterrichts entzieht, den Weg zur Tugend ihnen erschwert und den reinen Erkenntnißtrieb in ihrem Herzen ertöbtei? Dieses thun aber auch Ettern, die während sie sich das ganze Jahr hindurch um die saure Arbeit des Lehrers nicht kümmern, erst kurz vor der verhängnißvollen Versetzungszeit sich erinnern, daß sie ein Kind in dieser oder jener Anstatt haben und alsdann den Leiter und Lehrer mit Fragen bestürmen, ob dasselbe auch versetzt wird. Kömmt dann die Antwort, das Kind habe zwar die wissenschaftliche Reife zum Aufsteigeu erlangt, bleibe aber sonst in Fleiß und Eifer, im Betragen und Wohlverhalten hinter den Anforderungen der Schule zurück — was kümnlert dies den verehrten Herrn Vater, die würdige Frau Mutter? „Der Junge wird versetzt!" — und er darf eines glückstrahlenden Empfanges bei seiner Heimkunft versichert sein. Die dargereichte Zensur wird mit einem flüchtigen Blick auf die Bemerkung, welche die Versetzung ausspricht, unterschrieben, nach der Fleiß- und Betragensnote, nach den größeren und geringeren Leistungen gar nicht geforscht und gefragt. Erhält man aber die Nachricht, das Kind habe die Reife zum Aufsteigen nicht erlangt — da kehrt Trauer und Betrübniß in das Herz der Eltern ein, die auch die tröstliche Versicherung der Lehrer, der Knabe habe sein bestes Können angewandt, sei stets sittsam und fleißig gewesen, nicht zu bannen vermag. «Er wird nicht versetzt, muß ein Jahr länger warten, bis er an's Ziel kommt" — das ist der nichtssagende Inhalt der Elegie, die alle schönen Zusicherungen über Fleiß und Betragen übertönt. Auf diese Weise werden von vielen Ettern, bewußt und unbewußt, die wilden Schößlinge großgezogen und etwa aufkeimende gute Triebe zestört und vernichtet. So wird die Geistesrichtung der Kinder auf eine Bahn gelenkt, die weitab von der liegt, welche das Ziel eines jeden Unterricht, insbesondere des in einer Talmud-Thora-Schule sein soll. So wird schon bei den Kindern der Geist der Selbstsucht und des Ehrgeizes genährt, die in späteren Jahren zumal bei solchen, deren Stellung und Beruf sie auf selbstloses, gemeinnütziges Wirken hinweist, die häßlichsten Farben zeigt und den Rückgang idealen Strebens verschuldet hat. In der Lehr- und Lernthätigkeit der Schule ist im abgelaufenen Jahre eine Aenderung insofern eingetreten, als der Unterricht in Musik, welcher sich früher nur auf das Violinspiel erstreckte, auch auf Klavier und Harmonielehre ausgedehnt wurde. Wir haben uns nur schweren Herzens für die erweiterte Einführung dieses Unterrichtszweiges entschlossen, und zwar aus folgenden Gründen. Erstens nimmt das Hebräische, dessen gründliche Kenntniß dem einstigen jüd. Lehrer zunächst unentbehrlich ist, einen so weiten Raum in unserem Unterrichtsplane ein, daß wir dieserhalb füglich auf anderweitige Entlastung bedacht sein müssen; dann aber auch