Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 99 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1715 Ansehen, Ehre, Ruhm, Macht, Herrschaft. So berechtigt nun dieses Streben an und für sich ist, so wird es durch den Mißbrauch, durch das Uebermaaß zu Sünde und Laster. Die Habsucht, die Ehrsucht, die Ruhmsucht, die Herrschsucht sind diejenigen Triebe, welche am meisten Unheil in der Welt anrichten. Und wie diese Triebe keine Sättigung^ kennen, so wird auch das Gehinnom, zu welchem die Sünder nach dem Tode hinabfahren, zu den Dingen gezählt, welche nicht satt werden, wie es heißt (Mischte, Cap. 27, V. 20): „Die Hölle wird nicht satt, die Frevler aufzunehmen, geradeso wie die Augen des Frevlers nicht satt werden, den Leidenschaften nachzuschauen und die Gelüste zu befriedigen." (Daselbst Cap. 30, V. 15 u. 16): „Die Hölle hat zwei Töchter; sie heißen: Gib her, Gib her. Die Hölle wird nicht satt." Wer in dieser Welt nur seinen Leidenschaften fröhnt und nur der Befriedigung derselben lebt; wer gleichsam zu der Welt stets spricht: gib her, gib her! ich will keins deiner Genüsse entbehren; wer unersättlich ist in dieser Welt, der fährt nach dem Tode hinab in die Hölle, die unersättlich ist, die Frevler in sich aufzunehmen. So wird auch in der Thora die Befriedigung der Gelüste auf verbotenem Wege als die Ursache der größten Verbrechen angegeben, wie es heißt (5. B. M., Cap. 29, V. 18 u. 19): „Und es wird sein, so Jemand hören wird die Worte dieser Verwünschung, und er wird sich segnen in seinem Herzen, sprechend: Friede wird mir sein, wenn ich auch in der Willkür meines Herzens wandeln werde, auf daß hinwegnehme der überschäumende Becher den Durst — nicht wird wollen der Ewige ihm verzeihen." Gott hat geboten, daß wir Hunger und Durst nur in gesetzmäßiger Weise befriedigen. Wir sollen bescheiden sein in unseren Ansprüchen an das Leben, und dann wird es leicht sein, die Bedürfnisse desselben zu erwerben. Wir sollen nur essen und trinken zu unserer Sättigung und nur das, was Gott zu genießen erlaubt hat. Der Gatte soll seine Gattin und diese ihren Gatten lieben; sie sollen dem Gefühle diese Art von Liebe für Andere keinen Raum gewähren. Der Durst nach Ehre, Ruhm, Herrschaft, darf nicht zum Uebermaaße werden. Die größte Ehre und den größten Ruhm sollen wir darin suchen, unserem Gotte zu dienen und unseren Mitmenschen Gutes zu erweisen. Macht und Herrschaft dürfen wir nur dazu verwenden, um andere Menschen auf die Wege der Tugend zu führen. Immerhin hat Gott den Durst und den Hunger in unsere Natur gelegt. Sie wirken, wie wir dargelegt haben, in der wohlthätigsten Weise, sie sind für unser Dasein nothwendig. Da aber Gott dem Menschen die Freiheit verliehen, so ist der Mißbrauch in der Befriedigung jener nothwendigen Erscheinungen nicht ausgeschlossen. Soll nur derjenige, welcher nicht verdient, was er braucht und sich am Eigenthume seines Nächsten vergreift, fürewige Zeiten der Bestrafung anheimgefallen sein? Soll derjenige, der in dem Durfte nach Gewinn, nach Ehre, Macht, Herrschaft, Ruhm sich zum Verbrechen hat verleiten lassen, selbst die schwersten Verbrechen vollbracht hat, soll er für ewige Zeiten den unablässigen Qualen der Hölle preisgegeben sein? Soll er für immer verloren sein, weil er die Triebe, die Gott selbst in ihn gelegt hat, nicht hat mäßigen, nicht hat überwinden können? Nein, Gottes Barmherzigkeit ist unendlich, und Seine Liebe und Seine Gnade bewähren sich selbst dem Verbrecher gegenüber. Der 107. Psalm beginnt mit den Worten: Danket dem Ewigen, denn Er ist gütig, denn für die Ewigkeit währet Seine Gnade. So werden sprechen die Erlösten des Ewigen." Unsere Weisen bemerken hierzu im Midrasch: Wie Ich euch erlösen werde in dieser Welt, so werde Ich euch auch erlösen in der zukünftigen Welt, wie es heißt (Jesaias, Cap. 45, V. 17): hdnj n1? übiy ,cra^iy nyitpii '“n iww’ . Die Hilfe Gottes wird den Menschen nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen Welt zu Theil werden; auch für diejenigen, welche in der Hölle schmachten, wird einst die Stunde der Erlösung kommen. Dann ist das Gehinnom nicht mehr unersättlich; dann werden die Sünder ihre Unersättlichkeit genugsam gebüßt haben, und auch sie werden eingehen zu den Freuden des Paradieses. Das ist der Lobgesang des Gehinnom: „Denn Er hat gesättigt die lechzende Seele." Gott selbst hat den Durst in die menschliche Seele gelegt, und selbst dann, wenn der Mensch es nicht verstanden hat, seinen Durst in weiser Mäßigkeit zu löschen, wenn er hienieden unersättlich gewesen und zur Strafe dafür in den unersättlichen Schlund der Hölle gesunken, so wird, wie für ihn mit dem Tode die Sättigung gekommen, auch das Gehinnom einst satt werden. Wie Gott die in der Wüste fast Verschmachtenden den rechten Weg führt, auf daß sie in bewohnter Stadt ihren Durst löschen und ihren Hunger befriedigen, wie Gott die im finstern Kerker Gefesselten zur Freiheit führt, wie Er den Schwerkranken noch an den Pforten des Todes genesen läßt, wie