Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 99 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1714 ausgeblieben. Vor mehr als zehn Jahren erhob der Antisemitismus sein Haupt und nahm eine furchtbar drohende Gestalt an. Das finsterste Mittelalter schien wieder aufstehen zu wollen. Sogar die alten, abscheulichen Mährchen vom Verbrauche vom Christenblut und dergleichen Tollheiten mehr wurden wieder erweckt und kamen zur öffentlichen Verhandlung, die ganze Welt in Aufregung versetzend. Die Hochfluth ist Gott sei Dank vorüber; aber der zurückgebliebene Schlamm läßt genug des Unkrauts und der Giftpflanzen emporschießen. Für Israel »bat es in allen Zeiten nur eine Rettung gegeben: sr Schutz unseres Vaters im Himmel. Diesen Wchutz aber müssen wir verdienen durch Erfüllung Miner heiligen Gebote, durch eine Lebensweise, M den Vorschriften des Gotteswortes entspricht. Mazu beizutragen ist seit dreißig Jahren unentwegt Me Hauptaufgabe unserer Zeitschrift. Jeder Angriff gegen unsere heilige Religion, mag er von Innen oder von Außen stammen, wird in ernster, wissenschaftlicher Weise zurückgewiesen, ebenso jeder Angriff gegen unser Volk, gegen unsere Abstammung. In reicher Weise suchen wir die erhabenen Schätze unseres heiligen Schriftthums dem ganzen Volke, Jung und Alt, Männern und Frauen, Jünglingen und Jungfrauen zu erschließen und der Gesammtheit zugänglich zu machen. Durch Correspondenzen aus allen Ländern der Erde suchen wir das gemeinsame Interesse für alle unsere Stammesgenoffen zu kräftigen, zu erhalten, zu erwecken. Die spannenden und herzersreuenden Erzählungen aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart führen lebendig die Kämpfe vor Augen, welche zu allen Zeiten die Bekenner des einzigen Gottes zu durchkämpfen hatten. Auch die Anzeigen bilden vielfach einen Einigungspunkt für die über alle Länder und Ortschaften Zerstreuten. — Bis hierher hat uns Gott geholfen. Wir flehen Ihn an, daß Er auch ferner uns Seinen Beistand in der Erstrebung des Guten und des Wahren nicht versage. An unsere geehrten Leser richten wir die Bitte, daß sie sich bemühen mögen, unserer Zeitschrift stets neue Freunde zu gewinnen, auf daß es uns gelinge, die Worte der Belehrung und der Ermahnung in immer weitere Kreise zu tragen. Es sind die höchsten Schätze der Welt, es ist die ewige Wahrheit, für die wir begeistern, für die wir die Söhne und die Töchter unseres Volkes kräftigen, gewinnen, zurückgewinnen möchten. Dazu möge der allgütige Gott auch ferner Seinen Segen geben.' AereÄ Schiray. Mainz, 16. Dezember. X. (Der Lobgesang des Gehinnom.) II. „Denn Er hat gesättigt die dürstende Seele, und die hungerige Seele hat Er gefüllt mit Gutem." Hunger und Durst sind diejenigen Dinge, welche durch ihre stete Wiederkehr den Organismus erhalten und immer aufs Neue wiederherstellen. Wenn Jemand kein Verlangen mehr hat nach Speise und Trank, so ist er dem Tode verfallen. Hunger thut weh und Durst noch mehr, wenn beiden die Befriedigung, die wir Sättigung nennen, versagt ist. Es kömmt nun alles darauf an, wie und in welcher Weise der Mensch bestrebt ist, seinen Hunger zu stillen und seinen Durst zu löschen. So sagt auch der weise König (Mischte, Cap. 13, V. 25): „Der Fromme ißt, um sich zu sättigen, aber der Leib der Frevler wird immer Mangel haben." Unsere Weisen im Midrasch stellen die zweite Hälfte des Verses durch eine aus dem Leben gegriffene Erzählung in das rechte Licht. Rabbi Lewi erzählt: Ein vornehmer Römer hatte mich einst zu einer großen Mahlzeit emgeladen. Die Tafel war beladen mit allen Leckerbissen aus allen Ländern und Meeren; es fehlten nicht die kostbarsten Speisen, die besten Weine, die zum Theil aus weiter Ferne herbeigebracht worden waren. Der Hausherr kam und musterte die Tafel, und siehe, er vermißte die Perech-Nüsse (-ps mux). Da gerieth er in Wuth, ergriff die Tafel, die mit ihren kostbaren Speisen und Getränken einen Werth von 6 Centnern Goldes hatte, zerschmetterte sie, so daß alle Leckerbissen auf dem Boden umherrollten und ungenießbar wurden. Auf ihn wandte ich den Vers an oynn pai iDnn „und der Leib der Frevler wird immer Mangel haben." Alle Leckerbissen der ganzen Welt, die kostbarsten Speise und Getränke aller Länder und Meere, konnten diesen Mann nicht befriedigen, da nur Eines fehlte, das herbeizuschaffen er befohlen hatte. Wie in körperlicher Beziehung, so verhält es sich auch in den Angelegenheiten des Geistes und des Gemüthes. Das Gefühl des Unbefriedigtseins und das Verlangen nach Befriedigung sind die Triebfedern, die uns zur Thätigkeit veranlassen, die uns dahin bringen, daß wir die Kräfte unseres Geistes auszubilden üns bestreben. Auch hier herrschen Hunger und Durst. Der Hunger nach Gold, nach Besitz überhaupt, der Durst nach Wissen,