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Der Israelit · 1889-12-16 · Heft 98 (16.12.1889) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 98 (16.12.1889)
Date
1889-12-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1700 ner ruhiger Bürger, der Bekenner einer der ältesten und gewiß nicht der schlechtesten Religionen ist, sich von einem erwachsenen Lümmel auf öffentlicher Straße Attribute beilegen lassen muß, die ich gern verschweige, ist ebenso wahr und traurig und könnte einen zur Verzweiflung bringen, wenn der Engel der Geduld nicht mahnte: „Ertrage!" Auch in unserm lieben Osnabrück, wo ca. 70 Familien Juden leben, jeder ruhig seinem Werke nachgehend, jeder ein rechtliches Geschäft führend, ist es keine Seltenheit, daß sich jene schmutzige Gehässigkeit gegen alles, was Jude heißt, kundgibt. Im vorigen Jahre vertheilte man hier antisemitische Flugblätter von Fritzsche-Leipzig, wodurch man die jüdischen Kanfleute zu schädigen versuchte. Ein Consortium von Antisemiten hatte im selben Jahre einen Wanderrcdner eingeladen, doch konnte er kein Lokal bekommen, da jüdische Kaufleute die Lokale mit Beschlag belegten. In diesem Jahre nun hat sich ein Pastor Stolle aus Köln veranlaßt gesehen, einen Vortrag über die Mission in Israel zu halten. Da ich prinzipiell von Kohl kein Freund bm, so bleibe ich überallweg, wo leeres Stroh gedroschen wird, lese aber die Osnabrücker Zeitung aus Lokalpatriotismus , den ja jeder Mensch hat. In Nr. 5509 vom 6. Dezember a. c. findet sich denn eine Skizze des „geistreichen" Vortrages, den ich hier folgen lasse. „Ueber die Mission unter Israel hielt gestern Abend Herr Pastor Stolle aus Köln im Evangelischen Vereinshause einen Vortrag. Während sich zu dem vor Kurzem an derselben Stelle gehaltenen Vortrage über die Heidenmission in Afrika Damen und Herren so zahlreich eingefunden hatten, daß der Saal alle Hörer kaum zu fassen vermochte, war gestern die Zahl der Besucher eine nur sehr geringe. An den Ausspruch des Propheten Hosea, Cap. 3, Vers 5: „Die Kinder Israel werden sich bekehren und den Herrn ihren Gott und den König David suchen und werden den Herrn ehren in der letzten Zeit" anknüpfend, legte der Redner dar, wie die jetzige Zeit besonders geeignet sei, Israel zum Evangelium zu bringen, wie kaum in einem anderen Jahrhundert seit der Apostel Zeiten so viele JSraeliten sich bekehrt hätten, wie gerade im jetzigen Jahrhundert. Und die jetzige Adventszeit mahne ganz besonders, auch den Israeliten die Lindigkeit des Evangeliums kunbzuthun. Er betonte, wie so Vieles an den alten Bund erinnere, das Hosiannah, das Hallelujah, das Amen, und wie das Volk Israel ganz besonders zur M issionsthätigkeit anrege. Der Redner führte Beispiele dafür an, daß es Israeliten gebe, welche das Evangelium mit Inbrunst suchten und sich durch Schwierigkeiten nicht beirren ließen, verwies alsdann auf berühmte Proselyten wie Neander, vormals Mendel, Acosta u. a., undschildert im Weiteren sehr ausführlich den Lebenslauf Jakob Berlings, der, in Wolhynien geboren, als Proselyt eine rrgebnihreiche Missionsarbeit gethan und schließlich als Pastor in Segen gewirkt habe. Herr Pastor Stolle ermahnte, die Mission unter Israel zu fördern und den Israeliten das Aussuchen des Evangeliums durch liebreiches Begegnen zu erleichtern. Mit Gebet und Segen schloß der Redner seinen Vortrag." Hat man jemals einen größeren Unsinn gelesen? Wenn es wahr ist, daß in diesem Jahrhundert so viele Juden aus Titel sucht und Ehrgeiz ihre Religion wie Waare verhandeln, so rufe ich über solche nur — sit venia verbo — Pfui! aus. Ein liebreiches Begegnen aber empfehle ich Ihnen und allen Ihren Glaubensgenossen, Herr Pastor. Wenn Liebe uns Alle umschlingt, wenn Jeder von uns sich bestrebt, den Namen des Einig- Einzigen anzuerkennen und zu verbreiten, dann hat sich die Prophetie Hosea's und aller wahren Propheten erfüllt. Die Zeit wird kommen, daß man uns Juden die Kränkungen und Zurücksetzungen, die wir Jahrhunderte lang erfahren, abbitten wird, wir wollen's aber dem gütigen Lenker im Himmel überlassen und 8inim cuique! Jedem lassen, was ihm gehört. Bekehren Sie die Heiden, Herr Pastor! Unser Volk ist am Berge Sinai bekehrt worden, bevor man in Osnabrück und anderswo Bekehrungsversuche machte. S. Bachenheim er, Lehrer. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Aus Ungarn, im Dezember. Unter dem Vorsitze des Präsidenten der isr. Kongreßkanztei Martin Schweiger haben die Distriktspräsidenten eine Sitzung abgehalten und in Betreff der gesetzlichen Regelung der jüdischen Organisations-Angelegenheit ein Memorandum festgestellt, welches eine Deputation der Versammlung dem Kultusminister Grafen Albin Csaky überreichte. Aus dem Anlasse dieser Aktion hat die isr. Kongreßkanzlet an die auf fortschrittlicher Basis stehenden isr. Kultusgcmeinden ein Circularschreibcn gerichtet, nach dessen Reproducirung ich mir erlauben werde, sowohl Dieses, als auch das Memorandum einer eingehenden Erörterung zu unterziehen. Das Circularschretben lautet nach seinen wesentlichen Theilen folgendermaßen: „Als wir in unserem Rundschreiben vom 27. März l. I. Z. 14.334 unserem Bedauern darüber Ausdruck gaben, daß wir die Durchführung der einheitlichen Organisation unserer Konfession nicht in nahe Aussicht zu stellen in der Lage sind, wußten wir bereits, es sei der letzte Versuch zur Spaltung der Judenheit in Ungarn gemacht, und es werde einige Zeit vergehen, bis auch dieses letzte Hinderniß beiseite geschafft sein wird. Worin dieses Hinderniß bestand, und wie wir uns demselben gegenüber stellten, darüber erhalten Sie in dem hier beigeschlossenen, an den Minister für Kultus und Unterricht gerichteten Memorandum Aufschluß. Dieses Memorandum wurde durch eine Deputation überreicht. Gleich Sr. Excellenz würden auch wir

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