Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 97 (12.12.1889)
- Date
- 1889-12-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton. Zleiseeritmerungen aus Hlußkand. (Schluß.) Ich gab meinen Paß ab, ging nach dem Zollhause, ließ meine Sachen revidiren, lohnte eine ganze Anzahl Bediensteter, die abwechselnd meine Effekten getragen hatten ab, löste mir ein Billet, und nach einer halben Stunde befand ich mich in einem eleganten Salonwagen, wo ich bald den übrigen Reisenden folgte und mich zum Schlummer ausftreckte. Wenn mich auch anfangs das öftere Pfeifen des Courierzugcs störte, der ein Iueu8 a non lucendo — sich mit einer Langsamkeit bewegte, als sei auch er schläfrig und der Ruhe bedürftig, dafür aber alle Viertelstunde einmal hielt, wahrscheinlich, um sich ein wenig auszuruhen, so sank ich endlich doch in liefen, traumlosen Schlaf. Als ich erwachte, dämmerte cs bereits im Osten. Ich erhob mich, um das Morgengebet zu verrichten. Ich bewegte mich dabet mit möglichster Vorsicht, da ich die Mitfahrenden nicht stören und bei ihnen keinen Anstoß erregen wollte. Denn, wenn ich auch in meiner Heimath bei Ausübung religiöser Pflichten keine Gsne Andersgläubigen gegenüber kannte, so faßte mich in Rußland, dem Reiche des Absolutismus und der blindesten Intoleranz, doch ein kleines Zagen. Aber, wer beschreibt mein Erstaunen, als sich im Waggon nach und nach noch andere Gestalten erhoben und ich im fahlen Morgenlichte ausgeprägt jüdische Züge erblickte. Mein letzter Zweifel schwand, als auch sie sich mit Talith und Tefillin bekleideten und in stiller Andacht meinem Beispiele folgten. Nur ein einziger, der übrigens seine semitische Abstammung auch nicht verleugnen konnte, denn dunkles Haargelock umgab das Haupt, aus dem über der kühngeschwungenen Adlernase ein schwarzes Augenpaar in die Welt schaute, saß stillvergnügt in seiner Ecke, als habe er es nicht mehr nöthig, dem gütigen Gott zu danken, seinen Schöpfer zu lobpreisen. Es schien ein 6ommi8-vo^axeur zu sein, der Rußlnnd bereisen wollte, um seinem Gotte, dem Mammon zu dienen und möglichst viel von ihm, der gleißend und blinkend der Menschen Herz und Sinn bethört, in seine Geldtasche zu befördern. Lächele nur ruhig weiter, Du aufgeklärter Sohn des Jahrhunderts, ob der dummen Menschen, die noch treu an dem alten Gotte hangen, den Du nicht kennst, weil Du ihn nicht kennen willst! Lächle nur! Weder Zorn, noch Aerger wirst Du Hervorrufen, höchstens ein stilles Mitleiden. Denn ob es in Deinem Inneren in Wirklichkeit so sonnig aussieht, wie Dein Antlitz cs zeigt, ob Dich in der Stille der Nacht nicht doch manchmal die Ruhe flieht und Du zweifelst an Dem, was Du im Lärme des Tages als Deine Anschauung, Deine festbegründete Ansicht keck und stolz zu Markte trägst, wer kann es wissen: Aber das weiß ich, daß süß ist der Schlummer der Gerechten und derer, welche eins sind mit ihrem Gotte. Denn sie schützt mit ewig waltender Sorge, mit nie versiegender Güte der Hüter Israels! Und die Sonne ging auf, glühgoldene Strahlen streute sie über die grünen Fluren, in hellem Glanze lag die weite russische Ebene vor uns. Im linden Morgenwinde wogte leis bewegt das Korn und das hohe Gras. Aber so blühend die Natur, so elend alles das, was der Menschen Spuren zeigte. Niedrige, strohbedeckte Holzhütten und mitleiderregend, jammervoll die Menschen, die in halbzerriffener Kleidung mit stumpfem Blick, blöden Auges von der Feldarbeit aufschauten, der schwarzen Schlange nach, die in ihrem Laufe so viele zum Vergnügen, oder zum reichlichen Erwerbe dahintrug, indeß sie in dumpfer Arbeit an die Scholle ^yebunden ein endlos trauriges Dasein führen. Allmählich zeigte die Gegend eine andere Scenerie. Am Horizonte tauchten niedrige Hügel auf, hier und da schimmerte die leichtgekräuselte Fläche eines kleinen Sees aus dem gelben Sande hervor, wie ein freundliches Auge, und in seinem Spiegel malte sich das ernste Grün der Fichten, das helle Laub der Buchen, die weit und breit das Land bedecken. Und nun noch eine kurze Strecke, und die Spitzen der Thürme, welche in der Ferne erschienen, verkündeten die Nähe einer größeren Stadt. Wir hielten bei der alten Hauptstadt von Russisch-Polen, in Wilna. Wilna, zu dessen 70,000 Einwohnern die jüdische Bevölkerung ein stattliches Contingent, ein Drittel, stellt, ist eine in der Geschichte der Judenheit bekannte Stadt, in welcher der Wilnaer Gaon lebte und wirkte, mit engen, winkeligen Straßen, die bei regnerischem Wetter nichtge rade den saubersten Eindruck bieten mögen. Da ich noch am Abend in meinem neuen Heime ankommen wollte, hatte ich nur sehr wenig Zeit, so daß ich mir nicht einmal die große Synagoge genauer ansehen konnte. Ich vermochte nur der größten jüdischen Druckerei der Welt, der Offizin der Gebrüder Romm, einen kurzen Besuch abzustatten, welche von ihren sämmtlichen Drucken noch die Platten besitzt, die zu Tausenden übereinandergeschichtet, die Wände verdecken. Damals hatte man gerade mit der Drucklegung einer neuen Ausgabe des Rambam begonnen, die hoffentlich bald erscheinen wird.