Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 97 (12.12.1889)
- Date
- 1889-12-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1687 Von Wilna aus mußte ich einen sogenannten Lokalzug benutzen, der, eigentlich ein Güterzug, nur einen einzigen Wagen dritter Klasse mit sich führt. Beim Expediren des Gepäckes war es mir, der ich der russischen Sprache ganz unkundig war, nicht möglich, mich den Bahnbedienfteten verständlich zu machen. Während ich rathlos mir durch alle möglichen Winke und Zeichen zu helfen suchte, ohne deßhalb meinem Ziele näherzukommen, entfernte sich plötzlich der Gepäckdiener auf einige Augenblicke und kam dann mit einem nicht gerade modern gekleidelen Individuum zurück, das sich Jswostschick (Droschkenkutscher) nannte. Sein Typus ließ mich nicht einen Augenblick im Unklaren über seine jüdische Abkunft. „Sogt mir, was Ihr darft?" (Was Sie brauchen?) „Mistome (Gewiß) kummt Ihr vun Deitschland und kennt nit reden uf Russisch? Ich bin e Jud und versteh' uf beide Leschäunes (Sprachen)." So sprach er im schönsten litthauischen Jargon, den jch später noch oft hören sollte. Mit Hilfe dieses Dolmetschers war es mir nun möglich, alles zu besorgen. Jch belohnte ihn mit einem kleinen Trinkgeld, welches er als selbstverständlich entgegenuahm, worauf er verschwand. Zum Lösen des Billets hatte ich keinen Interpreten nöthig; es genügte der lakonische Satz: „Billet, Bobruisk!" Ich legte einen Zehnrubelschein hin, wovon ich fünf Rubel zurückerhielt. Jch war eben im Begriffe, dieselben einzuftecken, als, Thränen im Auge, ein nicht gerade sauber gekleideter junger Mensch auf mich zutrat, der in mir wahrscheinlich einen reichen Glaubensgenossen entdeckt zu haben glaubte, und schluchzend klagte, sein Geld reiche nicht aus, ein Billet zu kauten. Jch nahm ein Zwanzigkopekenstück (50 Pf.) um es ihm zu geben. Doch einen eigeuthümlichen Blick warf er zuerst auf das Geldstück und dann einen fast mitleidigen auf meine Person, indem er meinte, zwei Rubel koste seine Fahrt. Höchst wahrscheinlich dachte der Schlaukopf bei sich, daß der gutmüthige Deutsche ihm ohne Bedenken den zurückerhaltenen Fünfrubelschein schenken würde. Jch hatte jedoch früher schon genug von der Dreistigkeit russischer Schnorrer gehört und steckte kaltblütig mein Geld wieder ein. Als ich das Coups betrat, fand ich es bereits überfüllt und ein penetranter Geruch von Juchten und Cigarretten machte sich unangenehm bemerkbar. Um so mehr wunderte ich mich, als kurz vor Abgang des Zuges noch ein feingekleideter Herr mit seiner Gemahlin erschien und in unserem Coupö Unterkommen suchte und auch fand. In Rußland ist eben die dritte Classe dasselbe, wie bei uns die vierte; es findet immer noch eine Person darin Platz. Dem Neuangekommenen erging eS wie mir, wie ich später erfuhr; auch er wollte noch am Abend in seinem Wohnorte ankommen. Es war ein jüdischer Millionär, ein G'wir aus einer kleinen russischen Provinzialstadt. Er fand kein leeres Plätzchen für sich und seine Gemahlin; junge und alte Männer mit fahlen Zügen, zerlumpte Frauen mit schreienden Kindern und dazwischen einige Bauern, die trotz der drückenden Hitze in dicke Schafpelze gehüllt waren, hatten sämmtliche Sitze eingenommen. Die G'wirte (Gemahlin des Millionärs) bat einen jungen Menschen in der höflichsten Form, ihr seinen Platz einzuräumen, da sie ermüdet sei. Doch dieser, weit entfernt, ihrem Wunsche nachzukommen, erwiderte noch im frechen Tone: „For wos barst Ihr fohren dritter Cloff'? Fohrt's 'ch zweiter!!" (Wozu brauchen Sie dritter Klasse zu fahren? Fahren Sie zweiter.") Entrüstet wandte fie sich ab, um sich zu ihrem Manne wieder zu begeben. Doch dieser war eben damit beschäftigt, Geld an Arme zu vertheilen, die ihm weinend geklagt hatten, daß sie kein Billet hätten. Nachdem er ungefähr 20 Rubel verschenkt hatte, war er befreit von dem Lamento und hatte sich und seiner Gemahlin auch Plätze verschafft. Jch wurde während der Fahrt mit ihm bekannt und fragte im Laufe der Unterhaltung, wie denn die Leute ohne Fahrkarte einsteigen könnten? „O", sagte er, „es sind alles arme Leute, die auf die Mildthätigkeit der Reichen rechnen." Als wir Kowno*) passtrt hatten, jene Stadt, in welcher jetzt pr6« pns' tm\ eine weltberühmte rom» leitet, war der Sonnenball rothglühend am Horizonte untergegangen und die dunkelen Schatten der Nacht breiteten sich über das Land. „Nunmehr" meinte mein reicher Reisebegleiter, „könnten wir ja wohl auch mit Minjan Maartw beten", und zu meinem Erstaunen fing er laut an Kaddisch zu sagen, worauf er ebenso kräftig Antwort erhielt. Weder der Schaffner, der von Zeit zu Zeit erschien, schien etwas Besonderes dabet zu finden, noch auch unsere Bäuerlein, die sogar ihre Pfeifen nicht weiter rauchten, sondern als andächtige Zuhörer dabeisaßen, nachdem sie die leergewordenen Sitze sich zu Gemüthe gezogen hatten. Bald darauf hielten wir am Ziele meiner Reise, ich hatte Bobruisk erreicht. *)Anm. des Correctors: DaS ist ein Jrrthum; man kömmt von Wirballen aus erst nach Kowno und dann nach Wilna.