Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 97 (12.12.1889)
- Date
- 1889-12-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1679 welche die jungen Rabbinatscandidaten in England empfangen, was wieder mit dem Umstande in ursächlichem Zusammenhänge steht, daß die englischen Gemeinden im Ganzen wenig Wissenschaft von ihren Rabbinern verlangen. Wie anders ist es in dieser Beziehung doch auf dem Continente bestellt. Hier verlangt jede Gemeinde, selbst eine solche, die ihren Rabbiner kaum zu ernähren vermag, neben der rabbinischen eine gründliche Schul- und academische Vorbildung. Es soll damit nicht gesagt sein, daß jeder Rabbiner auf dem Continente eine Stütze der Wissenschaft ist, aber jeder hat doch gelernt, was Wissenschaft heißt und kann jeden Tag in die Lage kommen, diese oder jene Frage mehr oder weniger wissenschaftlich zu behandeln. Wer sind die Vertreter der jüdischen Wissenschaft auf dem Continente? Neben weniger Fachgelehrten sind es größtentheils die Rabbiner oder solche, welche Rabbiner hatten werden wollen. Wie steht diese Sache in England? Von wissenschaftlichen Instituten kommt hier fast ausschließlich das Jews College in London in Betracht. Die Wissenschaft an dieser Anstalt ist ziemlich allein in ihrem Director Dr. Friedländer vertreten, der eine — allerdings in Deutschland vorgebildete — wissenschaftliche Kraft ersten Ranges ist und für die jüdische Wissenschaft im Allgemeinen und die englische insbesondere die größten Verdienste hat. Die pädagogische Anlage des Jews College ist aber planmäßig'und nach englischen Bedürfnissen diejenige, daß die jungen Leute mit 20 oder 21 Jahren „fertig" und bereit sind, die Stelle eines „Minister" anzutreten. Welches Wissen und welche Reife können diese „fertigen" Jünglinge in ihren verantwortungsvollen Beruf mitbringen? Die Gemeinden verlangen zwar nicht mehr, können sie dem jugendlichen „Minister" aber diejenige Achtung entgegenbringen, welche seine Stellung verlangt? Wenn die englische oder hier die englisch-jüdische Pädagogik sich dazu entschließen könnte, für das Wissensquantum ihrer Gemeindehirten einen höheren Maßftab aufzustellen, so würde England auch mehr eingeborene oder dort erzogene jüdische Gelehrte Hervorbringen, worin es anfängt sogar hinter Amerika zurückzuftehen. Wahrhaft betrübend ist es aber, daß die biblischen Wissenschaften fast ausschließlich in christlichen Händen sind. Aus'diesen Erwägungen scheint das neue College besonders geeignet zu sein, hier in die Lücke zu treten. Es verdient unser Vertrauen umsomehr, als es von Männern geleitet wird, die sich in der jüdischen Wissenschaft längst die Sporen verdient haben. Die zu lehrenden Gegenstände, Bibelexegese im weitesten Umfange, Grammatik der hebräischen und verwandten Sprachen, Talmud nebst der einschlägigen rabbinischen Literatur, jüd. Geschichte, Literaturgeschichte und Archäologie sind durchgehends jsolche, von denen eine größere oder geringere Kenntniß für den angehenden Rabbiner unerläßlich ist. Reiche Geldmittel setzen es in den Stand den jungen Leuten — durch Bewilligung von Stipendien bis zu 2000 M. nebst freier Wohnung, Heizung und Beleuchtung — eine sichere, um nicht zu sagen behagliche Existenz zu geben. Eine prachtvolle Bibliothek, welche durch die Zunz'sche eine beneidenswerthe Bereicherung erfahren hat, setzt sie in den Stand, auch den weitgehendsten Ansprüchen nach dieser Richtung zu genügen. Bet der beständig wachsenden Zahl der Juden in England ist ein solches Institut nach gerade ein Bedürfniß geworden, und es ist in der That hohe Zeit, daß unsere britischen Glaubensgenossen in den Wissenschaften ihrer Väter nicht länger hinter ihren christlichen Mitbürgern zurückstehen. Als s e l bst v e r st ä n d li ch sei hinzugefügt, daß die ganze Leitung des Institutes auf streng orthodoxer Basis beruht, daß die Exegese den traditionellen, masoretischen Standpunkt vertritt; daß Schlagwörter wie „macabäische Psalmen" der „zweite Jesaia" u. dgl. von vornherein ausgeschlossen sind. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aus Württemberg, 8. Dezember. In den letzten Tagen versandte der „Verein zur Unterstützung von Wittwen und Waisen armer israel. Lehrer und Vorsänger Württembergs" seinen Bericht über die Zeit seines Bestandes pro Sept. 1888/89. Demselben ist zu entnehmen: Es ist das 27. Rechnungsjahr des Vereins und hat derselbe zahlreiche Beihilfe in diesem Jahre erhalten. Die Mitgliederzahl ist sehr gewachsen und sind es nach dem Berichte 148 außerordentliche und 57 ordentliche (dem Lehrerstande angehörige) Mitglieder. Der Verein unterstützte 7 Lehrerwittwen mit ihren unmündigen Kindern, drei Lehrerwaisen und zahlte noch eine Summe an die Uuterstützungskaffe des Württemb. Volksschullehrervereins. Am 31. Juli a. c. tagte die Plenarversammlung im Hotel Eisig in Stuttgart und wurde hiebei Rechnung abgelegt. Aus dieser ist hervorzuheben: Grundstocksbeiträge fielen an: 785 M. 7l Pf., laufende Beiträge 10094 M. 92 Pf. und die Summe der Einnahmen