Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 94 (2.12.1889)
- Date
- 1889-12-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1627 lich der älteste Mensch in seinen Staaten ist, kund gegeben, hat die Familie an das Civilkabinet Seiner Majestät die Anfrage gerichtet, ob vielleicht das Bild des Herrn Jordan eine willkommene Gabe sein würde, worauf der Bescheid gekommen ist, daß der Kaiser gern das Bild annehmen werde. Das wohlgelungene Porträt ist nun vor Kurzem im Zimmer des Herrn Jordan photographisch ausgenommen worden und wird nächstens nach Berlin abgehen. — Möge der allgütige Schöpfer diesen ehrwürdigen Greis noch eine Anzahl von Jahren in bester Gesundheit erhalten. Feuilleton. Wtivel. Vier Wochen später befand sich Rabbi Ephrajim Kohen in Krakau. Rabbi Josua Heschel war von seiner Reise nach Wien zurückgekehrt, und er beeilte sich, ein Beth Din zu bilden, dem er selbst präsidirte. Zuerst wurde der Zeuge Perez Sanwel vernommen. Er erzählte den Hergang folgendermaßen : „Ich und mein Chawer, Schloime Boruch, befanden uns auf der Flucht vor den Kosaken. Vor uns her fuhr ein Leiterwagen, in welchem der Rebbe, Rebbe Ephrajim, sowie ein junger Mann und ein junges Weib saßen. Wie wir später hörten war der junge Mann der Eidam des Rebbe Ephrajim, und das junge Weib war seine Frau, die Tochter des Rebbe. Vor einer Kretschme hielt der Wagen, und der junge Mann stieg aus und begab sich in die Kretschme. In diesem Augenblicke hörte man rufen: Die Kosaken kommen! Der Wagen fuhr davon, und ich und mein Chawer fingen an zu lausen. In der Nähe der Kretschme war ein Wald. Dorthin liefen wir, um uns vor den Kosaken zu verbergen. Ganz außer Athem gekommen, erreichten wir den Wald und mußten stehen bleiben, um uns ein wenig zu erholen. Von hier aus sahen wir, wie die Kosaken in die Kretschme eindrangen und Alle Hinaustrieben, die darin gewesen waren. Nun begann eine schreckliche Metzelei. Der Wirth wurde niedergemacht und seine Frau und feine Kinder, unter diesen ein Säugling, den die Mutter an der Brust liegen hatte. Wehe den Angen, die solche entsetzliche Gräuel mitansehen mußten!" Bei diesen Worten übermannte den Zeugen die schmerzensreiche Erinnerung, und er fing an laut zu weinen. Auch die Mitglieder des Beth Din waren tief ergriffen, und alle im Gerichtssaale Anwesenden brachen in Thränen aus. Nachdem der Zeuge sich ein wenig erholt und seine Thränen getrocknet hatte, fuhr er zu reden fort: „In der Kretschme waren eine große Anzahl von Glaubensgenossen gewesen, welche alle von den Kosaken getödtet wurden, Männer, Frauen und Kinder. Den Eidam des Rebbe Ephrajim, der vorher mit ihm und seiner Tochter im Wagen gesessen hatte, traf dasselbe Loos!" ,/„Hast Du,"" fragte der Vorsitzende des Beth Din, „„genau zugesehen, wie der Eidam des Rebbe Ephrajim ist getödtet worden?"" „Ich habe es genau mttangesehen, ich und mein Chawer, Schloime Boruch. Ein Kosak zwang ihn, niederzuknien und seinen Kopf auf einen Stein zu legen. Dann zog der Kosak sein Schwert und hieb ihm den Kopf ab." „„Wehe den Ohren, die solches hören müssen!"" ries in herzzerreißendem Tone Rabbi Ephrajim. „„Mein Sohn, mein Kind! Auf meinen Knien habe ich ihn großgezogen und meine einzige Tochter habe ich ihm zum Weibe gegeben! Er war mein Schüler, mein Genosse, mein Lehrer! Er bat gar oft meine Augen erleuchtet in der Halachah! Und so hat er enden müssen! Doch gerecht ist Gott in allen Seinen Wegen und liebevoll in allen Seinen Thaten!"" Das Jammergeschrei des tiefbetrübten Mannes erfüllte den Saal, und mit ihm weinten alle Anwesenden. Nach einer kleinen Weile gebot der Vorsitzende des Beth Din Ruhe und fragte den Zeugen: „„Warst Du und Dein Chawer denn so nahe, daß Ihr das alles so genau mitansehen konntet?"" „Der Ort, wo wir uns befanden, war von dem Schauplatze des Gemetzels nicht allzufern. Wir konnten die einzelnen Personen unterscheiden und erkennen, zumal die Sonne den Platz beschien und wir uns im dunkelen Gehölze befanden." Noch viele Fragen richteten die Mitglieder des Beth Din an den Zeugen; er mußte ihnen die Gestalt und die Kleidung des Ermordeten beschreiben. Alles traf zu, und es kam kein Zweifel daran auf, daß seine Aussage mit der Wahrheit übereinstimme. Der Zeuge wurde entlassen, und sein Chawer Schloime Boruch wurde vorgeführt. Seine Aussagen stimmten mit denen des andern Zeugen überein. Als das Verhör beendet war, mußten alle Anwesenden den Saal verlassen; nur die Mitglie-