Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 94 (2.12.1889)
- Date
- 1889-12-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1626 Wiederholten Malen für unser religiöses Interesse ein, und seine verdienstlichen Bemühungen waren von Erfolg begleitet. Wer sich auch nicht zur Orthodoxie bekennen mag, muß Hochachtung vor der Opferwilligkeit und Festigkeit gewinnen, mit welcher jene Kreise ihre Ueberzeugungen vertreten. Diese Prinzipientreue findet auch in gläubigen christlichen Kreisen die vollste Anerkennung. So sprach der Kommandeur des 30. Regimentes Herrn Dr. Kahn seinen Dank für den im religiösen Interesse der jüdischen Soldaten entfalteten Eifer aus. Den reichsten Lohn für sein rastloses Walten findet Herr Dr. Kahn ^sicherlich in der treuen Anhänglichkeit seiner Gemeinde, die ihm eine geradezu außerordentliche Verehrung entgegenbringt. — Vom Rabbiner auf Gemeinde und Synagoge zu kommen, ist ganz natürlich, und so wollen wir denn der letzteren Faktoren auch mit einigen Worten gedenken. Wir haben schon angedeutet, daß in Wiesbaden zwei jüdische Gemeinden nebeneinander bestehen. Beide besitzen herrliche Gotteshäuser; schade nur, daß in der großen Synagoge so manches Wort „in leere Luft gehaucht" wird. Selbst an den hohen Feiertagen war sie keineswegs überfüllt, was man bei der ansehnlichen Seelenzahl jüdischer Bewohner Wiesbadens hätte erwarten können. An dem Laubhüttenfeste starrte uns selbst am Tage der Gesetzesfreude eine „gähnende Leere" entgegen. „Die Reform-Synagoge besitzt einen vorzüglichen Chor, bestehend aus jungen Damen und Herren der Gemeinde, eine herrliche Orgel, eine glanzvolle äußere und innere Einrichtung; aber nur eine geringe Schaar — von ständigen Besuchern. Anders verhält es sich mit der Synagoge der orthodoxen Gemeinde; sie besitzt ihr Stammpublikum, das bei jedem Gottesdienste die lRäume füllt. Der Gottesdienst bewegt sich hier noch vollständig in den alten Formen. Wir müssen gestehen, diejenigen des Simchat Thora, an welchem Mädchen und Knaben mit Fahnen und ähnlichen Gegenständen die geweihten Räume ziemlich geräuschvoll durchzogen, scheinen uns sogar etwas — veraltet. Und wenn die Redensart „man muß den Kindern auch ihr Vergnügen lassen", von uns nicht angefochten werden soll, so glauben wir doch, daß dieses „Vergnügen" besser an anderer Stätte von Stapel gelassen würde. Jndeß der Geschmack ist verschieden. Und so nehmen wir mit diesem kleinen Nachtrag zu den Festtagen für heute von den Lesern unter dem Wunsche Abschied, daß sie das begonnene Jahr recht glücklich zu Ende führen mögen. (A.)" Oberhausen. Die ^Antisemiten rühren sich nun auch im Rheinland und Westfalen. An vielen Orten sind sogenannte Reformvereine gegründet worden. Zugleich wird die Vorbereitung für die Reichstagswahlen ernstlich und energisch in die Hand genommen. Besonders gedenken diese „Reformatoren" in Westfalen vorzugehen. Zunächst wurde aus Berlin der Redakteur des Stöcker'schen „Volkes" Herr Leuß abgesandt, der die Ziele und Bestrebungen der Antisemiten klar legen soll. Dieser Mann trat unlängst in Bochum auf und verbreitete sich eingehend über Judenthum und Sozialdemokratie. Seine Ansicht gipfelt in dem Satze, daß das Judenthum sich aus den Arbeiterbataillonen eine Leibgarde zu bilden gedenke. Der bekannte Antisemitenhäuptling vr. med. König-Witten verfehlte nicht, die Ausführungen des Redners zu ergänzen und den Versammelten das neue Evangelium der Bruderliebe mundgerecht zu machen. Die Judenfrage ist nach Ansicht dieses Antisemiten-Königs ein Theil der sozialen Frage. Da diese Versammlung auch von Sozialisten besucht war, so wollen wir noch die Bemerkung eines sozialdemokratischen Schneiders notiren, der erklärte, daß er lieber für einen Juden, als für einen Christen arbeite, weil der erftere besser bezahle und beispielsweise 12 M. gebe, wenn der Christ nur 10 M. biete. Wie aus Bielefeld geschrieben, beabsichtigt Stöcker abermals zur bevorstehenden Wahl als Candidat aufzutreten uno auch ein Mandat anzunehmen. Die Nationalliberalen heben allerdings in ihren Zeitungsorganen fest hervor, daß sie für Stöcker keine Stimme labgeben werden. Da aber bekanntlich bei der verflossenen Legislaturperiode der Hofprediger sein Mandat nur der Unterstützung der „nationalen" Männer zu verdanken hatte, so wollen wir einmal abwarten und sehen, ob solche diesmal besser Wort halten. Fast bezweifeln wir dies. In Bielefeld vollendete am vorigen Monate unser Glaubensgenosse, der Rentner Herr Markus Jordan sein 110. Lebensjahr. Der ehrwürdige Greis, der allerdings seit Jahresfrist nicht mehr aus seinem Hause gekommen, erfreut sich — abgesehen von einer in neuerer Zeit aufgetretenen Schwerhörigkeit — guten Wohlseins, regen Appetits und gesunden Schlafes, liest noch ohne Brille, nimmt mit Freuden die zahlreichen Glückwünsche, die ihm von nah und fern zugehen, entgegen und betheiligt sich gern an der Unterhaltung, wenn er auch häufig deren Faden verliert. Da Se. Majestät der Kaiser wiederholt sein Interesse und seine Theilnahme für den hochbetagten Mann, der sicher-