Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 94 (2.12.1889)
- Date
- 1889-12-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1628 Glaubenssatz der schismatischen Gemeinde erhoben wird. Aeußere und innere Verhältnisse können der Constituirung einer schismatischen Gemeinde hindernd in den Weg treten. Der Staat kann z. B. die Gründung einer Dissidenten"-Gemeinde untersagen, oder die Abgefallenen können sich unter einander über die Grundsätze einer neueren Religionsgemein -• schaft einigen, oder sie fühlen überhaupt nicht das Bedürfniß zur Bethätigung irgendeines religiösen Bekenntnisses. So werden sie fälschlich einer Religionsgemeinschaft hinzugerechnet, der sie in Wirklichkeit nicht angehören, deren Bekenntniß sie leugnen. Der oberflächlich Urtheilende spräche dann noch von einer Einheit des Bekenntnisses der Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft, während in Wirklichkeit diese Einheit »längst nicht mehr vorhanden, vielmehr die disparatestenGegensätze in dieser vermeintlich einheitlichen Religionsgemeinschaft miteinander kämpfen. In dem vorliegenden Werke wird nun^) in den dürren Worten es ausgesprochen: „Eine Zersetzung des Judenthums in Preußen ist allerdings eingetreten, die Gleichgiltigkeit gegen die jüdische Religion hat zahlreiche und maßgebende jüdische Kreise erfaßt; aber nicht dem Christenthum, sondern der Religionslosigkeit, dem Unglauben, sind diese Kreise gewonnen worden;" — und Angesichts dieser Erkenntniß sollen anderseits nach dem Zeugniß des Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes keine „tiefliegenden Differenzen in der Auffassung religiöser Grundwahrheiten" vorhanden sein, sondern nur gewisse Streitpunkte in Hinsicht des „Geschmacks" über die Gestaltung des „äußern Kultus!?" Und da wagt man es mit ernster Miene von der Begründung eines auf dem Grunde gegenseitiger Nachgiebigkeit zu errichtenden ausschließlich priviligirten Bekenntnisses der Juden in Preußen zu reden? Uebrigens ist auch der behauptete Schismamangel nicht einmal wahr. Im Gegentheil; in sehr vielen Gemeinden hat die Reform seit Jahrzehnten dem schismatischen Bekenntnisse auch äußern Ausdruck verliehen, und zwar unter Vergewaltigung oder Ertödtung des alten orthodoxen Judenthums. Man hat dort die dem alten Religionsbekenntnisse geweihten Institutionen ihrer ursprünglichen Bestimmung entfremdet und dem schismatischen Bekenntnisse überantwortet. Die Gotteshäuser hat man dem Schisma der Reform preisgegeben', die Schulen zu Pflanzstätten des Schisma der Reform gemacht, das Gemeindevermögen und die fromuren Stiftungen zu Gunsten des Schisma der Reform verwendet, kurz das Schisma der Reform ist so deutlich und und unverkennbar seit Dezennien zur Verwirklichung gelangt, daß es keine größere Lüge gibt, als die Leugnung eines thatsächlich in der heutigen Judenheit vorhandenen Schismas. Wem Religionsbekenntniß kein leerer Begriff ist, wem es wahrhaft ernst mit Wahrheit, Gewissensfreiheit und Judenthum ist, der kann unmöglich den Gedanken hegen, durch Kompromisse von Seiten der Reform an die Orthodoxie und jvon dieser an jene ein einheitliches Bekenntniß, und zwar das einzige jüdische Bekenntniß, für diese jüdische Staatskirche, Reformer und Orthodoxe einheitliche Gemeinden zu gründen. Die Anerkennung oder Nichtanerkennung des Judenthums, d. i. des jüdischen Religionsgesetzes wie solches in von Gott gegebener mündlicher und schriftlicher Lehre und dem auf Grund des göttlichen Gesetzes von den weisen Lehrern unseres Volkes und von diesen angenommenen getroffenen Anordnungen, sie bilden den Gegensatz zwischen Reform und Orthodoxie. Da ist ein jeder Versuch einer Vermittelung solch schreiender Gegensätze, wie sie in solcher Schärfe nicht zwischen der katholischen und protestantischen Kirche bestehen, unmöglich. Die Orthodoxie kann nichts von den Lehren und Satzungen preisgeben, ohne sich selbst aufzugeben, ohne damit aufzuhören das .'einzig wahre Judenthum zu bekennen. Sie kann nur zu den irrenden und abgefallenen Brüdern sprechen: lasset uns gemeinsam für Gott und Sein heiliges Gesetz wirken, indem wir gemeinsam dahin streben, es zu erfüllen in That und Gesinnung, indem wir ihm unverbrüchlichen, treuen Gehorsam leisten in allen Verhältnissen des Leben. Eine Religionsgemeinschaft hat die Uebereinstimmung des religiösen Bekenntnisses zur nothwendigen Voraussetzung, sie ist ja nichts anders als eine Gemeinschaft von Personen, welche die gleichen religiösen Anschauungen theilen. Wie man zur Erzeugung einer Religionsgemeinschaft von einem Zuthun und. Ablassen im Punkte der religiösen Ueberzeugung reden mag, ist völlig unbegreiflich. Man würde damit ja der Heuchelei und der Lüge wesentlichen Vorschub leisten, ja die Religionsgemeinschaft, welche sich aus der orthodoxen und reform-schismatischen Anschauung herausbilden sollte, indem sie beiden Systemen, der Lüge und Wahrheit, Rechnung trägt, würde ja nichts anders als Lüge und Heuchelei sein. Und diese sollte preußisches Staatsjudenthum heißen und neben sich kein anderes Bekenntniß der Juden dulden!? Wir haben in diesem Vorschläge des Verfassers den eigentlichen Zweck des stattlichen Werks erblickt und darin nur die Paragraphirung des Ziels, 1) Seite 147.