Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 93 (28.11.1889)
- Date
- 1889-11-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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161Ö Bor st and gegenüber dem deutsch so cialen Verein einnehme, stimme mit dem in der conservativen Resolution ausgedrückten „in der Hauptsache überein." Hinzugefügt wird noch, daß es der Vorstand des nationalliberalen Vereins „geradezu für einen Frevel erachten müsse, wenn ein Verein, welcher sich zu den Ordnungsparteien zählt, dem hochverdienten Abgeordneten Götz, dessen Wahl nur durch das engste Zusammenhalten der staatserhaltendeu Elemente gegenüber der Socialdemokratie hatte durchgesetzt werden können, einen Gegenkandidaten gegeuüberstellen wollte." Die „Leipziger Zeitung" bemerkt hierzu sehr richtig, daß die beiden Antisemiten Liebermann von Sonnenberg und Th. Fritsch denn doch die sächsischen Verhältnisse nicht kennen. In Sachsen antisemitische Candidaten aufzustelleu, sei Zwecklos; das internationale Judenthum würde dann erst recht mit der Socialdemokratie gehen. Und solch' eine Sprache erbreiftet sich ein Blatt, welches den Titel „königlich" führt d Die sächsischen Juden sind unbesorgt, weder ein Liebcrmann von Sonnenberg, noch ein Theodor Fritsch werden hier von der Bevölkerung gekannt; mag daher die antisemitische Partei, die immerhin nur eine untergeordnete Rolle in Leipzig spielt, ihre eigenen Candidaten aufstellen. Die wenigen Stimmen, die Liebermann von Sonnenberg und Th. Fritsch erhalte!', werden nur das großsprecherische Treiben dieser beiden Herren in's rechte Licht setzen. Die conservative Partei behauptete erst jüngst im „Vaterland", daß die Tonart der Fritz'scheu Wochenschrift denn doch der antisemitischen Bewegung nur geschadet. Nichts muß das übertriebene Selbstgefühl der Conservativen so sehr beschämen, als die Thatsache, daß sie erst für Herrn Fritsch und Genossen eintraten, jetzt aber, nachdem sie zahlreich e B eweise seiner journalistischen Befähigung haben, sich nicht nur abwenden, sondern es überhaupt bedauern, jemals mit Fritsch harmonirt zu haben. Die Erklärung des Nationalliberalen Vereins, in der Hauptsache mit den Ausführungen der Conservativen einverstanden zu sein, dürste allerdings die sächsischen Juden in Ueberraschung gesetzt haben. Eben gerade Herr Dr. Hensel war es, der schon mehrfach gegen die antisemitische Bewegung in Sachsen austrat — und nun erklärt dieser Herr mit seiner Unterschrift, daß er das Programm der Conservativen theile! Die Conservativen sind Antisemiten, das wußten wir längst, daß aber auch die Nationalliberalen solche sind, das wußten wir; noch nicht, denn die gesammte sächsische Judenj schaft gehörte mit wenigen Ausnahmen dieser Partei an. Karl Wies ent h al. Mühlhausen (Ober-Elsaß), 20. November. Heute haben wir den ältesten Rabbiner des Elsaß zu Grabe getragen. Herr Rabbiner Nathan Hirsch in Sierenz ist am Dienstag den 19. in dem hohen Alter von 92 Jahren aus diesem Leben geschieden. Nachdem er früher in Frankreich amtirt hatte, kam er vor uuumehr 50 Jahren nach Sierenz, wo damals eine ansehnliche Gemeinde bestand mit einer Jeschiba, die von weit und breit Schüler herbeizog. Zu jener Zeit war das Elsaß ein Land voller Frömmigkeit, wo das Thoraftudium in höchster Blüthe stand. Mit Schmerz mußte es der Verstorbene, der stets als orthodoxer Rabbiner gewirkt hat, erleben, wie allmählich das Judenthum des Elsaß in Verfall gerieth und unter anderem auch die Jeschiba, die seiner Gemeinde zu höchster Zierde gereicht hatte, aufhörte. So viel an ihm lag, that er um dem Verderben hindernd in den Weg zu treten. Bis zuletzt bewahrte er sich Frische des Geistes, und ein gütiges Geschick erhielt ihm auch die Rüstigkeit des Körpers. Noch wenige Tage vor seinem Tode vollzog er in einem benachbarten Dorfe, welches zu seinem Sprengel gehörte, eine Trauung. Er hatte letzthin verfügt, daß alle Rabbiner des OberElsaß zu seiner Beerdigung eingeladen werden sollten. Neun von ihnen waren dem an sie ergangenen Rufe gefolgt, der xrauä rabbin von Colmar, Weil, die Herren Moock-Mühlhausen, Schüler-Bollweiler, Wormser-Tann, Weil-Rappoltsweiler, Spiegel-Blotzheim, Levy-Altkirch, Dr. Lerner- Winzenheim, Aschkenaze - Niedeiscpt. Außerdem halte einer Einladung des Vorstandes Herr Dr. Cohn, Rabbiner von Basel, Folge geleistet. Um 10 Uhr begann die Trauerseier. Von der allgemeinen Beliebtheit des Verstorbenen zeugte die außerordentlich große Theilnahme bei der Beerdigung. Alle Einwohner des Dorfes, Juden wie Christen, unter ihnen sogar die beiden christlichen Geistlichen folgten der Bahre, welche in die dichtgefüllte Synagoge getragen wurde. Hier sprachen die Rabbiner von Colmar, Mühlhausen und Tann Worte der Klage um den Dahingegangenen und der Ermahnung an die Gemeinde. Inzwischen war die Mittagsstunde herangerückt und nach nicht-jüdischcr Art war in dem jüdischen Wirthshause des Dorfes eine große Mahlzeit für die Fremden hergerichtet, die meistens hierdurch von der Begleitung des Leichenzuges sich abhalten ließen; ohne an das alte Wort des Weisen zu denken: „Besser als zum