Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 93 (28.11.1889)
- Date
- 1889-11-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1606 Paradieses den Werth dieser ganzen Niederwelt um das Drcihundertzehnfache übersteigen. Warum aber gerade 310? Rabbi Lipmann Heller meint in den Toßaphot Jom Tob, daß deßhalb die Zahl 310 angegeben wird, weil die Israeliten bei der Eroberung des heiligen Landes das Gebiets von 31 Königen in Besitz nahmen; die zukünftige Welt wird ein Zehnfaches, also 310 bieten. So geistvoll diese Erklärung ist, so ungenügend erscheint sie. — Der berühmte Rabbi Menascheh ben Jisrael gibt in seinem Werke über die Unsterblichkeit der Seele dieser Mischna eine überaus geistvolle Deutung. Das Jahr, sagt er, hat 365 Tage. Darunter sind 55 Sabbate und (biblische) Feiertage (eigentlich 59, 52 Sabbate und 7 biblische Feiertage, 2 Tage Peßach, l Tag Schabuoth, 1 Tag Rosch Haschanah, 1 Tag Jom Kippur, 1 Tag Suckoth und 1 Tag Schemini Azereth, die sich aber auf 55 reduziren, da einige Feiertage mit Sabbaten zusammenfallen). Die Sabbate und Feiertage sind, wie wir es im Tischgebete aussprechen, gleichsam ein Vorgeschmack der ewigen Seligkeit wv nv ’toip oi\ Es kommen also dereinst zu den 55 Tagen 310 hinzu, und das sind die dreihundertzehn Welten, von denen unsere Mischna spricht. Auch diese Erklärung erscheint, abgesehen davon, daß die Rechnung nicht genau stimmt, unzureichend. — Rabbi Herz Scheuer gibt in seinem Werke am mn der in Rede stehenden Mischna eine Deutung, die unserer Meinung nach das Nichtige trifft. Rabbi Lipmann Heller wirft die Frage auf, warum gesagt wird toV p’isn pns, es hätte doch genügt zu sagen pns? Jur Namen seines Sohnes, Rabbi Moscheh, beantwortete er diese Frage dahin, daß es vollkommene und unvollkommene Fromme gibt; jeder einzelne Fronune, selbst der unvollkommne, wird dereinst 310 Welten erben. Auf dieser Auseinandersetzung fußend, erklärt Rabbi Herz Scheuer, was hier unter einem vollkommenen und unvollkommenen Frommen zu verstehen sei. Zur Vollbringung eines Gottesgebotes sind zwei Dinge erforderlich, der Gedanke und die Thal. Die That hat nur dann ihren vollen Werth, wenn sie in dem Gedanken, in der Absicht geschieht, durch sie ein Gebot unseres Gottes zu vollziehen. Nichtsdestoweniger hat der allgütige Gott in Seiner Gnade bestimmt, daß selbst dann, wenn Gedanke und That nicht vereinigt sind, dem Frommen der Lohn nicht entzogen wird. So Jemand die Absicht hat, ein gutes Werk zu vollbringen, er wird jedoch an der Ausführung ohne sein Verschulden gehindert, so belohnt ihn Gott für den Gedanken allein, obgleich demselben die That nicht folgte. Rüben wurde dafür belohnt, daß er seinen Bruder Joseph retten wollte, wiewohl er die Rettung nicht zur Ausführung zu bringen vermochte. Dasselbe Verhältniß findet statt, wenn Jemand gedankenlos das Gute übt. So Jemand den Armen gibt, ohne den Gedanken oder die Absicht zu haben, das Gottesgebot der Zedakah zu erfüllen, so belohnt ihn Gott dennoch für die That ohne den entsprechenden Gedanken. Eine unvollkommene Beobachtung des Gottesgesctzes ist demnach nach zwei Seiten hin festzustellen: der Gedanke (die Absicht) ohne die That. die That ohne den Gedanken (die Absicht). — Wir haben 613 Gottesgebote, 365 Verbote und 248 Gebote; an diese schließen sich noch 7 rabbiuische Vorschriften an, im Ganzen 620. Jedes Gottcsgebot ist von unendlicher Bedeutung und Wichtigkeit, es umfaßt gleichsam eine ganze Welt, wie cs heißt: „Weit ist Dein Gebot gar sehr"; und ferner heißt es: „alle Schätze erreichen nicht den Werth eines einzigen Gottesgebotes." Man darf also die Gottesgebote wohl mit dem Ausdrucke „Welten" bezeichnen. Derjenige, welcher ein Gottesgebot zu vollbringen beabsichtigt, aber an der Ausführung gehindert wird, der hat nur die Hälfte gethan. Derjenige, welcher eine Mizwah thut, ohne den Gedanken, die Absicht zu haben, welcher der That erst ihre Vollendung verleiht, hat ebenfalls nur die Hälfte gethan. rnv pnsn pns n"apn. „Dereinst wird der Heilige, gelobt sei Er, jedem Frommen, der die Absicht gehabt, das Gute zu vollbringen, an der Ausführung jedoch verhindert wurde, und jedem Frommen, der die Mizwoth geübt ohne die dazugehörige nao (Gedanke, Absicht), den Lohn geben für die Hälfte der 620 von den Menschen zu erbauenden Welten (Mizwoth), wie cs heißt: rv"' 'anin „erben zu lassen meine Freunde 310." — Wem es jedoch gelingt, Gedanke und That zu höchster Vollendung zu vereinen, von dem heißt es: shüs orrnnsnw. „Und ihre Vorrathskammern werde ich füllen"; der wird den Lohn erhalten für die 620 Welten (Mizwoth), mit deren Auferbauung uns Gott begnadigt hat. Aus dieser Auseinandersetzung geht hervor, daß die Erlangung der vollkommenen, ewigen Seligkeit durch die Vereinigung des rechten Gedankens mit der rechten That bedingt ist. Beides und ein Drittes, das noch hinzukömmt, soll uns der Lobgesang des Paradieses lehren. (Fortsetzung folgt.)