Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 92 (25.11.1889)
- Date
- 1889-11-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1596 hatte sie ihn geliebt. Er war, noch ein Knabe, ein Schüler ihres Vaters geworden und hatte alle seine Genossen durch Lernbegierde, Geist und Scharssinn übertroffen. Der Vater hatte stets mit Begeisterung von seinem jungen Schüler, der einer der bedeutendsten Gelehrtenfamilien angehörte, gesprochen, und die Tochter blickte mit Wohlgefallen auf den Jüngling, der auch in seiner äußern Erscheinung vor allen Andern hervorragte. Da kam der Tag, an welchem der Vater des jungen Jacob für seinen Sohn um die Hand der Tochter des Rabbi warb — der glücklichste Tag ihres jungen Lebens. Mit Freude gab sie ihre Einwilligung, und die Vermählung folgte bald der Werbung. Wie manches heißinnige Dankgebet hatte Mirel zu Gott emporgesandt ob des großen Glückes, das Er ihr durch den Besitz des heißgeliebten Mannes beschieden! ^Und nun sollte dieses Glück für immer verloren sein! Vielleicht endete schon in diesem Augenblicke Jacob sein junges Leben unter dem mörderischen Schwerte eines Kosaken. Während Mirel sich so ihrem Schmerze hingab, peitschte der Kutscher unaufhörlich auf die Pferde, die in rasendem Laufe dahinstürmten. Bald auch hörte man nicht mehr das Getrappel der Kosakenrosse; die räuberischen Schaaren hatten entweder Halt gemacht oder eine andere Richtung eingeschlagen. Die todtmüden Pferde durften jetzt langsam den Weg fortsetzen, bis sie die nächste Kretschme erreichten, wo sie das wohlverdiente Futter erhielten, an Trank sich laben durften und eine kurze Zeit ausruhen konnten. Mirel konnte weder essen noch trinken; sie weinte immerfort und jammerte nach dem verlorenen Gatten. Vergebens bemühte sich der Vater, ihr Trost zuzusprechen. Nach einer langen Reisej erreichten die Flüchtlinge die Landesgrenze; sie begaben sich nach Mähren. In dieser Provinz des österreichischen Staates gab es eine große Anzahl jüdischer Gemeinden, welche die Thorakenntniß zu schätzen wußten. Alle diese Gemeinden waren dem mährischen Landesrabbiuer, der seinen Sitz in Nikolsburg hatte, untergeordnet. Als Landrabbiner fungirte damals der als Talmudgelehrter weitberühmte Rabbi Menachem Mendel, Verfasser der hochgeschätzten Responsensammlung Zemach Zedek. Er war ein Schüler des großen Rabbi Joel Sürkies, des Verfassers des Beth Chajim (Bach) und ein Schwiegersohn des großen Rabbiners von Metz, Rabbi Gerschon, Verfassers des Werkes Abodat Hagerschuni. Der Letztere war ein Freund des Rabbi Ephrajim Kohen aus Wilna, mit welchem er in regem Briefwechsel stand. So hoffte denn Rabbi Ephrajim durch die Vermittelung des Schwiegersohnes seines Freundes ein Unterkommen in Mähren zu finden. Er begab sich daher zunächst nach Nikolsburg und suchte den Landesrabbiner auf. Als er sich diesem vorstellte und seinen Namen nannte, brach der Landesrabbiner in Thränen aus. „Wehe," rief er, „welch eine Zeit der Trauer und des Schmerzes, da Männer wie Rabbi Ephrajim Kohen unstät und flüchtig in der Welt umherirren und nach Brod suchen müssen!" Auch Rabbi Ephrajim fing an zu weinen. „Es ist wahr," sprach er, „hart hat die Hand Gottes mich getroffen. Allein, das ist nicht das Schlimmste. Mein Eidam, ein Jüngling an Jahren, aber ein Greis an Weisheit, ist unterweges von uns getrennt und wahrscheinlich von den Kosaken ermordet worden. Meine junge Tochter verzehrt sich in unendlichem Schmerze." „„Möge der Vater der Waisen und der Annehmer der Wittwen ihr Trost verleihen,"" sprach Rabbi Menachem Mendel. (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch fttu Buchhandel su bestehen bet E. F. Ktetnarkrr, Leipfig, Uoßptah 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hanptblatt) Leitender Artikel: Zur Geschichte des Gebets und des ersten Beters. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Würzburg. 2mal Berlin. Frankfurt a. M. — Oest. - Ung. Monarchie: Aus Wien. Pesth. S. A. Ujhely. — Feuilleton: Mirel. — Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenze«: Deutschland: 3mal Berlin. Breslau. Hamburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Aus Galizien. — Italien: Rom. — Rußland: Petersburg. — Feuilleton: Ein deutscher Philosoph über die Juden. — Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" und „Jeschurun" Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofduchdruckerei (Oscar Lehmann) in Mainz. Hier»« eine Beilage.