Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 92 (25.11.1889)
- Date
- 1889-11-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2448014--29072-2476784- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
stehen. Der Kriegsminister verneinte dies zwar in beiden Punkten, hob aber hervor, daß die Offizierskorps das freie Recht hätten, die Offiziere zu wählen und natürlich nur solche wählten, die in ihre Kreise paßten; außerdem erfordere die Disziplin in der Armee, daß vom Offizierskorps solche Personen ausgeschlossen seien, die sich zur Regierung in Opposition befinden. Die Abgg. Richter und Baumbach (Freis.) protestirten gegen eine solche Praxis, worauf der Kriegsminister seine Worte einzuschränken versuchte und meinte, Maßregelungen freisinniger Offiziere der Landwehr oder Reserve seien in einigen Fällen vorgekommen, aber nur dann, wenn die Betreffenden eine agitatorische Thätigkeit gegen die Regierung entwickelt hatten. Dieser Auffassung des Kriegsministers schloß sich vollständig der Abg. v. Massow (Kons.) an und merkwürdigerweise auch der Graf Hoensbroech (Centrum), der die Zeit vergessen zu haben scheint, wo die Angehörigen seiner Partei verfolgt wurden. Richter erinnerte ihn daran, daß nach diesen Grundsätzen auch wieder einmal die Katholiken von der Beförderung ausgeschlossen werden könnten. Muller-Marienwerder (Reichp.) meinte, es komme darauf an, wie das Verhalten des Offizier-Aspiranten überhaupt sei; die bloße Zugehörigkeit zu einer Oppositionspartei schließe ihn nicht aus von der Wahl. Im Gegentheil seien ihm Fälle bekannt, wo solche Männer Offiziere geworden seien. Auf eine Wandere Frage widerspricht der Minister der Behauptung, daß in der Armee antisemitische Agitation geduldet würde. Abg. v. Frege (kons.) nimmt von dieser Erklärung Akt, ersucht aber den Abg. Richter, anch nicht den Versuch zu machen, eine semitische Agitation in die Armee zu tragen. Graf Behr (Reichsp.) hat die Erklärung des Ministers so ausgefaßt, daß von jedem Offiziersaspiranten gefordert .werden müßte, daß er Gentleman sei; nach seiner politischen Meinung werde nicht gefragt. Abg. Richter vermag eine Uebereinstimmung in der Auffassung des Grafen Behr und des Kriegsministers nicht zu erkennen. Herr Hobrecht (nat.-lib.) war 'so optimistisch, sich über die Aeußerungen des Ministers zu freuen, aus denen hervorgehe, daß keine parteilichen und konfessionellen Rücksichten bei der Offizierswahl maßgebend seien. Berlin. Ich habe mir erlaubt, Ihnen von der Niederlage der Antisemiten telegraphisch Kenntniß zu geben. Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Motive meines Vorgehens darlege. — Wohl steht ein jüdisches Blatt der Politik fern, wir haben unsere religiösen Angelegenheiten nach bestem Wissen und Können zu vertreten, sind mit unfern innern Kämpfen vollauf beschäftigt, und überlassen gern jedem Israeliten sein politisches Bekenntnis nach eigenem Geschmack zu regeln. Aber Eines müssen wir nns Vorbehalten. — Gegen eine Partei, die uns die heiligsten Güter rauben will, müssen wir alle unsere Kräfte, also auch die Spitzen der Feder einsetzen. — Die Antisemiten wollen uns das Vaterland rauben, wollen uns die Ausübung der Religion verkümmern, wollen uns zu einem menschenunwürdigen Dasein verdammen, gegen diese Sorte Volksverführer müssen wir in Wort und That kämpfen, so lange der Athem unsere Brust bewegt. — In Berlin sind die Herren, trotz der Unterstützung zahlreicher Schleppträger, die es aus gewichtigen aber naheliegenden Gründen verschmähen, sich offen Antisemiten zu schimpfen, durchgefallen; darum sei es unfern Brüdern im Reiche und außerhalb der Grenzen desselben verkündet, daß hier die Höllengluth im Erlöschen ist. Hier hat ein Machtwort genügt, um die aufrichtigen Verehrer der höchsten Autorität im Staate zur Besinnung zu bringen. — Das gute Beispiel wird wirken , und wir dürfen wieder auf bessere oder sagen wir auf gute Zeiten hoffen. — Auch aus Hamburg geht uns die Kunde zu, daß der Abgeordnete Wörmann es rundweg abgelehnt hat mit Hilfe der Antisemiten in den Reichstag zu gelangen. Der wackere Volksvertreter schrieb den Treibern der Heerde, er würde es als eine Schmach betrachten mit Hilfe dieser Partei ein Mandut zu erlangen. Hätten die Menschen sich einen Rest der Vaterlandsliebe gerettet und loderte noch ein Funke Ehrgefühl in ihrer Brust, sie hätten sich längst tief beschämt, in ihre Schlupfwinkel zurückgezogen, ehe auch die Verachtung des Volkes ihnen den Garaus macht, doch die Schlange kann auch in ihren letzten Zügen ihre Mordlust nicht bändigen.- 8. Frankfurt a. M. An der Fürsorge für die Armen und Leidenden hat es in unserer Stadt nie gefehlt, und man darf sagen, daß die jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten bei uns sowohl ihrer Einrichtung nach, wie auch in der Art und Weise ihres Wirkens unübertroffen dastehen. Daß dieselben in erster Linie für hiesige Arme berechnet waren, ist natürlich — für den großen Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen zeugt es aber, daß man mit der Zeit auch anfing, nicht hier Ansässige an den Wohlthaten eines großen Theils hiesiger Wohlthätigkeitsanstalten zu betheiligen. In neuerer und neuester Zeit sind nun durch dieMunificenz des Freiherrn Wilh. v.Rothschild und seiner Gemahlin, der gleich ihrem Gemahl edeldenkenden Freifrau v.