Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 91 (21.11.1889)
- Date
- 1889-11-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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mer und verlieb seinen Gast nicht eher, als bis dessen regelmäßigen Athemzüge ihn überzeugten, daß er schlummere. Nach den Aufregungen des Tages zog Stille in's Hans ein, die geängstiaten Gemüther beruhigten sich, denn bis zum nächsten Tage war kein weiterer Ueberfall zu befürchten. Länger aber konnte und durfte Severin hier nicht bleiben, er mußte um jeden Preis österreichisches Territorium erreichen; aber auf welche Weise? Die Grenze war auf beiden Seiten von einem Militärcordone stark besetzt, so daß man jede paar Schritte auf eine Streif- Patrouille stieß. Zudem gestattete es Severin's Wunde nicht, eine beschwerliche und gefährliche Fußwanderung auf den unpracticablen Schleichwegen zu wagen. Um die Grenze passiren zu können, mußte man die Reise auf der Chauffö unternehmen und bei der Grenzwache sich legttimiren. Aber wie das bewerkstelligen? Severin hatte keine Papiere, aber wenn er auch solche gehabt hätte, wie leicht könnte er als Jrsurgent erkannt werden, und dazu seine verrätherische Kopfwunde! Aus diesem Labyrinte schien kein Ausweg zu führen und David schaute hilfesuchend im Kreise umher. Seine Frau, von Müdigkeit überwältigt, war auf ihrem Sessel eingeschlafen. Ester verfolgte mit ihren Augen ängstlich das Geberdenspiel ihres Vaters und schien sich für den armen Grafen sehr zu interessiren. Da schlug sich David mit der Handfläche vor die Stirne und „ich hab's, ich hab's" kam es triumphirend über seine Lippen. „Du, Ester", sagte er, „Du wirst heute zum zweiten Male die Retterin unseres Grafen werden. Blicke nicht so befremdet drein, ich habe einen Plan, und dieser wird mit Gottes Hilfe gelingen. Severin wird für Stunden Deinen Namen und Deine Kleidung annehmen und so über die Grenze kommen. Seine Gesichtszüge haben etwas Mädchenhaftes, die ganze Gestalt ist so zart, sein Haar so blond wie das Deinige, daß er in Deinen Kleidern, mit Deinen Legitimattonspapteren und in meiner Gesellschaft als meine Tochter unbehelligt wird die Grenze passiren können. Ich bin mit den Grenzbeamten bekannt, sie wissen, daß ich eine Tochter habe, doch dürften sie schwerlich Dich persönlich kennen, und so wird es gehen. Este«'chen, halte für morgen früh Kleider bereit, das.auf dem Lande übliche Kopftuch, welches übrigens bei der jetzigen rauhen Witterung gewiß nicht auffalleß kann, wird auch seine Wunde maskiren und wenn er nur nicht aus der Rolle fällt, ist er gerettet. „Jetzt will ich auch dem Marcin sagen, daß er gleich mit Tagesanbruch anspanne", und er verließ das Zimmer' Die wallenden Morgennebel begannen vor der jungen Sonne zu weichen, als Severin in seiner Verkleidung das Schlafcabinet verließ. Der langentbehrte Schlaf hatte ihn gestärkt, die kleidsame Tracht Ester's stand ihm recht gut, so daß er für einen Moment seine heikle Situation vergaß und sich wohlgefällig im Spiegel bettachtete. David drängte zur Abreise, und draußen knallte Marcin mit seiner langen Peitsche. Der junge Graf verabschiedete sich von der Hausfrau, drückte Ester innig di Hand, übergab ihr zum Zeichen seiner Dankbarkeit das Miniaturbild seiner Mutter und, von David Mayer gefolgt, bestieg er den Wagen. Marcin spuckte in seine Handfläche, schwang sich auf den Bock und langsam setzte sich das Gefährt in Bewegung. Glücklich paffirten unsere Reisende die doppelten Grenzwachen und erreichten ohne jegliches Abenteuer die Thore Krakau's. „JSraelit" und „Jcfchuiun* erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, icdesmal in mindestens 2 Bogen Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 ReichS-Mark, für'L Ausland 16 ReichS-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch deu Buchhandel j» bestehe« bet <. F. Stetnackrr, Lrlpstg. Doßplah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut EourS. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 ReichS-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 ReichS-Mark an die Expedition franco einzusenden. Juhalt (Hauptblatt): Leitende Artikel: Perek Schirah. — Hilferuf aus Jerusalem. — Zeitungsnachrichten und Eorrrsponbenren: Deutschland: Aus Bayern. 3mal Berlin. Pinne. Wiesbaden. — Oest.-Ung. Monarchie: Wien. Budapest. — Feuilleton : Anfang und Ende. — ' Juhalt der Beilage: Telegramm: Berlin. — Leitender Artikel: Literarischer Bericht.— Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Berlin. Hamburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Preßburg. Aus Ungarn. — England: London. — Schweden: Gothenvurg. — Juhalt der „Bl. f. d. iSr. Schule": Was heißt Toleranz? — Aus den Lehrer-Vereinen: Aus Oberhessen. Aus Baden. — Briefkasten. — Büchermarkt. — veranrworttrche Redacnon: 1>r. uehmann m Mainz. — Expedition des „Israelit" und „Jeschurun" Schsttstratze Rr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbnchdruckerei (Oscar Lehmann) in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.