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Der Israelit · 1889-11-21 · Heft 91 (21.11.1889) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 91 (21.11.1889)
Date
1889-11-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1575 schaftlichen Gebete zu verrichten, denn auf dem Lande ist nur äußerst selten eine regelrechte Synagoge anzutreffen. Das Local wurde der Woche über nicht benützt und diente ausschließlich diesem heiligen Zwecke. Die Einrichtung bestand aus einigen Bänken und Tischen, bei der Ostwand stand ein Vetpult mit grünem Tuche bedeckt, auf welchem ein dickleibiges Gebetbuch mit messingbeschlagenem Ledereinband ruhte. Ueber diesem Pulte war die heilige Lade angebracht, ein hoher Schrank, von einem Vorhänge aus braunem Sammt mit zwei goldgewirkten Löwen, verhüllt. Rechts flimmerte ein Oellämpchen, „das ewige Licht", und verbreitete jetzt ein Halbdunkel. In diesen Raum führte David den jungen Grafen, schob die Sammtportiöre auseinander, öffnete den Schrank und half ihm ins Innere steigen. Eine Thorarolle in ihrer seidencu Hülle lehnte in der Ecke, und Severin fand, sich bückend, Platz. Die Thüre wurde zugemacht, der Vorhang vorgeschoben und aufathmend verließ David das Betzimmer, dasselbe hinter sich abfperrend. Er sagte sich, dieses Allerheiligste werden die Soldaten nicht profanircn, und hier dürfte Severin vor Entdeckung sicher sein. Jetzt hieß es, nur nicht verlegen sein, mit dem Schnapse durste auch nicht gespart werden, denn diesem Argument können die russischen Marssöhne gewöhnlich nicht widerstehen. Eben verkündeten Waffengeklirr und kernige Flüche daS Heraunahen der bewaffneten Macht, und, gute Miene zum bösen Spiele machend, ging der Gutspächter seinen ungebetenen Gästen entgegen. Der Herr Eommandant ließ beim Thore eine Schildwache stehen und betrat mit seinem Gefolge das Haus. „Jud', habt Ihr nicht gottverdammte Rebellen versteckt", schnaubte er David an, „heraus mit der Sprache, sukisyn — Sohn einer Hündin — oder ich lasse alles niederbrennen." „Aber Herr Lieutenant", erwiederte David Mayer, und man merkte es dem so schnell Avancirten an, daß sein künstlicher Zorn vor dieser Schmeichelei in die Brüche ging, „wie kommen Sie denn auf solch eine Idee. Ich bin ein treuer Unterthan und mein Haus ist keine Zufluchtsstätte für Verbrecher. Ucbrigens können Sie ja alles durchsuchen lassen." „Nun", meinte der Herr Patrouilltenführer, „es wird sich ja zeigen. Jungens," wandte er sich an seine Leute, „geht, schaut überall nach, ob nicht irgendwo ein verdächtiges Gesicht steckt und erstattet mir Rapport." Die Mannschaft machte sich daran, ihre Mission zu erfüllen, der Sergeant folgte David's Einladung und begab sich in's Zimmer. Chaje und Ester saßen hier zitternd, David aber warf ihnen einen aufmunternden Blick zu und befahl, den Gast zu bewirthen. Zwei große, mächtige Flaschen Branntewein wurden gebracht, und lüstern blinzelte der Herr Sergeant mit den Augen. David schenkte ein, und der Russe leerte den Inhalt eines Wasserglases. Er schnalzte mit der Zunge, der Wirth füllte das Glas auf's Neue und mit einem Zuge war die Flüssigkeit im Magen des Herrn Sergeanten. Jetzt nahm er sich die Mühe, sich selbst zu bedienen, schaute Ester liebäugelnd an, und mit dem Toaste „Tod den Rebellen" gesellte sich die wodka zu ihren Vorgängern. Der Schnaps schien zu wirken, denn der Sergeant ließ sich auf einen Sessel nieder. In der Thüröffnung erschien ein Corporal mit der Meldung, daß alles bis auf ein abgesperrtes Zimmer durchsucht sei. „He, Wirth, aufmachcn", lallte der Eommandant, erhob sich vom Sitze, stürzte noch ein Glas herunter und befahl David, ihm das Zimmer zu öffnen. Pochenden Herzens trat der Gutspächter den Weg au. „Aber, gestrenger Herr," meinte er, „das ist das Betzimmer und die ganze Woche geschloffen." Der halbbetrunkene, gestrenge Herr lallte nur „aufmachen". Sie betraten den in Dunkel gehüllten Raum, die Reflexe des flimmernden Lichtes widerspiegelten sich auf der Goldstickerei der Portiere und eine Scheu bemächtigte sich des Russen. Seine Schnapsgeister spiegelten ihm Visionen vor, daß seine Züge sich in abergläubiger Furcht verzerrten. Er winkte wie abwehrend mit der Hand und trat den Rückzug an. Froh, so leichten Kaufes davongekommen zu sein, gab ihm David das Geleite in's Wohnzimmer, wo der Becher bei der Mannschaft kreiste. Der Anführer brachte seine unbestimmten Gefühle mit einigen weiteren Gläsern zum Schweigen, und im Schatten der Nacht trat die Truppe ihren Rückmarsch an. Für den Moment war von Sevcrin's Haupt das Unheil abgewendet, und alles athmete erleichtert auf. Er kroch aus seinem Verstecke, streckte seine steif gewordenen Glieder, zog die Luft mit vollen Zügen ein, dankte in beredten Worten dem Gutspächter für seine aufopfernde Gastfreundschaft und Ester drückte er. für ihren rettenden Einfall warm die Hand, daß sie tief erröthend ihre Augen senkte. Vor allem mußte Severin etwas Ruhe haben, um sich zu erholen, denn in seinem gegenwärtigen, geschwächten Zustande war nicht daran zu denken, ihn über die Grenze zu schaffen. Nach einem stärkenden Imbisse geleitete ihn David in's Schlafzim-

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