Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 90 (18.11.1889)
- Date
- 1889-11-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1560 blessirt, von Noch und Strapazen ganz entkräftet, drückte stumm die Hand des Pächters, und sich auf ihn stützend, schleppte er sich der Behausung zu. Frau und Tochter konnten sich beim Anblick der Jammergestalt nicht der Rührung erwehren, Martin ließ seine Pfeife aus dem Munde fallen und die Mütze vom Kopfe reißend, machte er einen ehrfurchtsvollen Knix und küßte den Rocksaum des jungen Herrn. Severin war ganz ohne Waffen, seine Pistolen hätten ihm auch nicht genützt, denn die Munition war längst ausgegangen, und als seine Schaar auseinandergesprengt, er nach tapferem Widerstande verwundet sich in's Gehölz flüchtete und hier in Folge des Blutverlustes Zusammenbruch, warf er auch den bereits schartig gewordenen Degen von sich, der übrigens in seinem machtlosen Arme ihn nicht schützen konnte und in der beharrlichen Wanderung ihn nur behindern mußte. Er wußte, daß er von Mayer's Gehöfte nicht weit sein könne und mit Aufgebot seiner letzten Kräfte schleppte er sich her, hier eine momentane Zuflucht suchend. Alles beschäftigte sich fürsorglich um ihn, die Kopfwunde, welche nicht tief und auch nicht bedenklich zu sein schien, wurde so gut es eben ging, verbunden und das Blut gestillt. Seit zwei Tagen hatte er beinahe nichts gegessen und er stillte nun seinen Hunger und seinen Durst. Von dem Mißerfolg und den ausgeftandenen Strapazen war Severin an Geist und Körper ganz gebrochen und ließ alles apathisch mit sich geschehen. Er ruhte auf dem Sopha, seine Augen waren halb geschloffen und der Schlaf schien sich auf seine müden Lider senken zu wollen, als Marcin, das Gesicht verstört, mir allen Zeichen des Schreckens mit dem Ruse moskale, moskale, — die Moskowiter — in's Zimmer stürzte. Im ersten Moment blieb alles wie gelähmt auf seinen Platz gebannt, um sich dann verzweiflungsvoll anzustarren. Severin raffte sich empor, seine Hand griff nach der linken Seite, wie seinen Degen suchend und zähneknirschend ließ er den Arm schlaff an seinem Körper herunterhängen. E ne , peinliche, beklemmende Pause trat ein. David grübelte in seinem Geiste nach einem Verstecke, nach einem Auswege, aber vergebens. Wenn die Russen kommen, so werden sie das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden, ihrer Gewohnheit gemäß, durch-! stöbern und S verin kann ihnen nicht entgehen. Er wandert nach Sibirien und ihm zünden sie das Haus über dem Kopfe an, wer weiß, vielleicht wird auch er in Ketten gelegt. Was thun; es ist keine Zeit zu verlieren, soll Severin vielleicht sein Heil in der Flucht suchen? Aber das hieße ja dem sichern Verderben entgegenrennen, denn den streifenden Patrouillen kann er verwundet wie er ist nicht entgehen. Severin merkte die verzweiflungsvolle Hilflosigkeit seines Wirthes und machte Miene, durch einen Sprung aus dem Parterrefenster der peinlichen Situation ein Ende zu machen und sich wenn möglich irgendwo im Walde zu verstecken. Aber David fiel ihm in die Arme und schloß das Fenster. Marcin, welcher auf Recognoscirung hinausgeeilt war, kam mit der Meldung zurück, daß eine russische Abtheilung unter Anführung eines Sergeanten gegen den Meierhof im Anmarsch sei und bald eintreffen müsse. Die Rathlosigkeit hatte bereits ihren Culiminationsjnekt erreicht, als Ester den Vater am Arme zupfte und „Tatele, Tatele“ — Väterchen, Väterchen — ihm etwas in's Ohr flüsterte. Wie elektrisch berührt, raffte sich David aus seinem Hinbrüten auf, ergriff Severin beim Arme und eilte mit ihm aus dem Zimmer. (Schluß folgt.) .JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, MonragS und TorruerftagS, jedesmal in mindestens 2 Bogen Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 18 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel begehe» bei E. F. Klrinacker, Leipzig, Doßplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile ober deren Raum. — Oestrrreichische Banknoten laut CourS. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark au die Expedition franco einzusenden. Inhalt <Ha«ptblatt): Leitende Artikel: Zur Geschichte des Gebets und des ersten Beters. — Die Schaffung eines preußischen Staatsjudenthums. — Zeitungsnachrichten und «Korrespondenzen: Deutschland: Pforzheim. Rees a. Rh. Linz a. Rh. Leipzig. — Oest.-Ung. Monarchie: Wien. Prag. — Frankreich: Paris. — Griechenland: Athen. — Feuilleton: Anfang und Ende. Inhalt der Beilage: Leitende Artikel: Die 70jährige Jubelfeier des Israel. Wohlthatigkeits-Vereins Chewra Gemilluth Chassodim in Köln. — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Oesterr.-Ungar. Monarchie: Budapest. Au8 Ungarn. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit* und „Jeschurun" Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbnchdruckerei (OScar Lehmann) in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.